Über das Gähnen

Die Chasmologie ist die Wissenschaft vom Gähnen. Der Begriff entstammt dem altgriechischen Wort chasma, was unter anderem „offener Mund“ bedeutet. Jeder tut es, ob Mensch oder Wirbeltier. Wir gähnen bis zu 10 mal täglich, aber warum gähnen wir? Das Phänomen des Gähnens ist genauso faszinierend wie der Schlaf. Seit Jahrhunderten ist der Mensch auf der Suche nach den Ursachen und Auswirkungen des Gähnens.

Die Enzyklopädie der Schlafmedizin verzeichnet unter dem Stichwort Gähnen:

Bezeichnet ein Verhalten, das nicht nur beim Menschen, sondern auch bei zahlreichen anderen Spezies vorkommt. Es besteht in einer unbeabsichtigten Öffnung des Mundes, einhergehend mit einer Weitstellung bzw. Dehnung des Vokaltracktes. Der Gähnvorgang geht mit einer verlängerten Inspirationsphase einher und wird durch eine beschleunigte Exspiration beendet. Gähnen ist ein soziales Signal, das den Mitmenschen sowohl Schläfrigkeit als auch Stress oder Langeweile des Gähnenden signalisieren kann. Über die physiologische Bedeutung des Gähnens gibt es unterschiedliche Vermutungen.

Der französische Allgemeinmediziner Olivier Walusinski ist einer der führenden Experten zum Thema Gähnen. Der Auslöser für sein Interesse war ein Patient, der 1978 in seine Praxis kam und im Minutentakt gähnte. Walunski musste feststellen das es zwar viele Theorien, aber keine gesicherten Erkenntnisse gab. Mittlerweile ist sein Buch das Standartwerk zum Thema „The Mystery of Yawing“.

An empirischen Beobachtungen mangelt es nicht. Wir gähnen bei Müdigkeit, Hunger, Stress und großen Herausforderungen, wir lassen uns vom Gähnen anderer anstecken (soziales gähnen). Föten gähnen ab der 12. Woche und selbst querschnittsgelähmte Patienten die sich willentlich nicht mehr bewegen können, gähnen. Schlaganfallpatienten strecken beim Gähnen Körperpartien die von der Lähmung betroffen sind. Bei Menschen gähnen Mann und Frau gleich viel, rund 250.000 Mal im Leben. Dabei öffnen wir den Mund um 4 Zentimeter und die durchschnittliche Gähndauer betragt 6 Sekunden.

Unbestritten ist die soziale Bedeutung des Gähnens, als eine Form der nonverbalen Kommunikation. Gähnen in Anwesenheit anderer, kann Gleichgültigkeit und Desinteresse bedeuten. Wir lassen uns gerne vom Gähnen anderer anstecken. Menschen, die sich gut in andere hineinversetzen können, infizieren sich leichter. Und innerhalb einer Familie ist die Ansteckungsgefahr größer als bei Fremden. Beim Gähnen werden dieselben Hirnareale aktiv, in denen Gefühle entstehen. Hirnforscher haben herausgefunden das beim Anstecken Spiegelneuronen aktiviert werden.

Autisten und Schizophreniekranke dagegen sind immun. Kinder erlangen erst mit etwa fünf Jahren die Fähigkeit zum Mitgähnen. Der Schweizer Neurologe Adrian Guggisberg sieht im Gähnen in erster Linie die soziale Komponente „Die Natur hat damit eine intensive Kommunikation angelegt. Das erklärt auch, warum Gähnen so unwiderstehlich ansteckend ist.“

Widerlegt sind Theorien, das Gähnen der Sauerstoffzufuhr diene, die Lebensgeister aufwecke oder der besseren Durchblutung des Gehirns diene. Umstritten ist auch die Theorie amerikanischer Wissenschaftler, das der Strom kühler Außenluft das heißgelaufene Gehirn kühle. Die einzige gesicherte Erkenntnis ist ein Zusammenhang von Gähnen und Müdigkeit.

Und hier noch einige Beispiele aus dem Tierreich: ähnlich wie wir, stecken sich Schimpansen beim Gähnen an. Die Löwen gähnen wenn die Jagd beginnt und der männliche Affe gähnt kurz vor dem Sex. Wir wollen Ihnen die fragwürdigen Versuche des Mexikaners Josè Eguibar nicht verheimlichen. Eguibar hat mit weiteren Physiologen Ratten gezüchtet, die nahezu ununterbrochen gähnen. Die „Forscher“ traktierten die Tiere mit Lärm und Elektroschocks um den angezüchteten Zwang zu unterdrücken. Die Erkenntnis: die Tiere sind ängstlicher und versagen bei der Brutgflege. Wir wollen den Beitrag nicht mit einer traurigen Geschichte beenden. Versuche mit dem Redaktionshund Fritz bestätigen, dass sich der Hund vom Gähnen des Menschen anstecken lässt, aber offensichtlich immun ist auf das Gähnen seiner Artgenossen ist.

 

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2 Gedanken zu “Über das Gähnen

  1. Schöner Artikel, und obwohl er uns sehr interessiert, haben wir gegähnt, was das Zeug hielt. Allein vom Gähnen zu lesen, mag ja vielleicht bereits ansteckend sein. ;-0
    Bei unserem Hund hätten wir eine andere Erklärung angenommen: er gähnt in ähnlichen Situationen, in denen er sich auch mit dem Hinterlauf kratzt. Nennt man wohl Übersprungshandlung, sagen die Hundeschullehrer.

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