Clara Commer

Der Schlaf
Auf Engelsschwingen naht sich leise
Und schweigend dir der Sohn der Nacht;
Doch scheu entflieht er deinen Blicken,
Er weicht zurück vor dem, der wacht.
Er kam, eh’ du ihn grüßen konntest,
Und ohne Abschied er entschwand.
Durchs bunte Reich der Träume schwebst du,
Gleich ihm beschwingt, an seiner Hand.
Sein wallend’ Kleid deckt dich mit Frieden,
Vergessen bringt sein Schwingenschlag;
Er nimmt dir freundlich ab die Bürde,
Die auf dich legt der ernste Tag.
Dem Kinde naht er, nah im Spiele:
Schon streckt’s die müden Füßchen aus,
Die froh auf grüner Wiese tanzten,
Noch hält die kleine Hand den Strauß.
Dem armen Kranken spendet Kühlung
In Fiebernacht der Schwinge Weh’n,
Und neben seinem Schmerzenslager
Wird morgen früh die Hoffnung steh’n.
Auch in des Kerkers dunklen Grüften
Verheißt sein milder Engelsblick
Für eine Stunde Ruh und Frieden
Der reu’gen Schuld, dem Mißgeschick.
Dem Wand’rer folgt er in die Fremde,
Zeigt ihm der Heimat Bild im Traum,
Er eint die weit Getrennten liebend,
Erhebt sie über Zeit und Raum.
Den Jüngling trägt er schnellen Fluges
Hinüber zu der Zukunft Tat
Und läßt den Greis mit sanften Armen
Hernieder auf der Jugend Pfad
Das Wünschen macht er zum Vollbringen,
Der Hoffnung Schein zur Wirklichkeit,
Sein Hauch wirkt Kraft zu neuem Leben
Und macht uns stark und kampfbereit.
Wo nach des Tages lautem Treiben
Noch still ein Aug’ in Tränen wacht:
O, nahe dich mit leisen Schwingen,
Du holder Schlaf, du Sohn der Nacht.

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