Chronobiologie oder die Organisation unseres Alltags

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Gehören Sie zu den 75% der Bevölkerung die durch einen Wecker aus dem Schlaf gerissen werden? Das bedeutet, dass Sie nicht ausgeschlafen erwachen. Aber wieso wiederholt sich dieses „Ritual“ jeden Tag?

Wir Menschen werden durch eigene, natürliche Rhythmen gesteuert, die vor 350 Millionen Jahren geprägt wurden.¹ Auch wenn wir glauben über unserer biologischen Herkunft zu stehen, werden wir jeden Morgen eines Besseren belehrt. Die Folgen können massive Auswirkungen haben, denn qualitativ schlechter Schlaf schwächt z.B. unser Immunsystem und erhöht das Krebsrisiko.

Die Chronobiologie, die die inneren Uhren erforscht, ist eine recht junge Wissenschaft, der in der Mitte des letzten Jahrhunderts der Durchbruch und die wissenschaftliche Anerkennung gelang. Der deutsche Biologe Jürgen Aschoff leitete in den 60/70er Jahren das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Andechs. Hier errichtete Aschoff den „Andechser Bunker“: zwei Räume ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne Uhren, Tageslicht und ohne Wecker. Die Testpersonen lebten wochenlang in dem Bunker und schnell stellte sich heraus, dass der Mensch eine physiologische Zeitmessung hat, die um rund eine Stunde von dem 24 Stunden Tag abwich. In unserem normalen Alltag, synchronisieren sich innere und äußere Uhr auf einen 24 Stunden Rhythmus. Der Taktgeber zu dieser Synchronisation ist das Sonnenlicht.

Doch wir besitzen nicht nur eine innere Uhr die unser Schlaf- und Wachverhalten steuert, sondern Organ- Muskel- und Stoffwechseluhren, die alle miteinander zu einem hochkomplexen Ganzen verwoben sind.

Da die inneren Uhren vererbt werden, reagieren Menschen ganz unterschiedlich. Am deutlichsten wird es in den Typen Frühaufsteher (Lerchen) oder Langschläfer (Eulen). Der Frühaufsteher hat sein Leistungsgipfel in der ersten Tageshälfte, der Längschläfer in der zweiten Hälfte. Wissen Sie welcher Typ Sie sind? Wenn nicht, machen Sie den Test.

Erfindungen wie elektrisches Licht, Schichtarbeit, Flugzeuge (Jetlag) erschweren den Einklang mit unserem biologischen Rhythmus und führen dazu, das viele Menschen in einem permanenten Jetlag leben. Wir alle kennen das Gefühl der Zeitumstellungen zu Beginn und am Ende des Sommers, das Gefühl einzuschlafen, wenn der Körper meint es sei noch zu früh oder zu erwachen, wenn der Körper noch weiteren Schlaf benötigt. Diese „Spiel mit der Uhr“ wie es der Chronobiologe Karl Hecht ausdrückte, kostet weltweit Tausende von Menschenleben. Unausgeschlafene verursachen häufiger Unfälle. Untersuchungen in Nordamerika bestätigen diese Theorie. Andersherum haben die Moskauer Verkehrsbetriebe die Schichten nach dem Typus vergeben: „Lerchen“ fahren die Frühzüge der Moskauer U-Bahn und „Eulen“ die Abendzüge. Dadurch ist die Unfallquote durch menschliches Versagen auf Null gesunken.²

Der Rhythmus von Schlafen und Wachen, lässt sich auch auf den Rhythmus von Belastung und Erholung übertragen. Dieser sogenannte „Basis-Ruhe-Aktivitäts-Zyklus BRAC“ ist ein 2 stündiger Rhythmus, der aus einer ca. 90 minütigen Aktivierungsphase und einer rund 30 minütigen Deaktivierungsphase besteht. In der Aktivierungsphase spüren wir Kraft, Stärke, Selbstbewusstsein und Entscheidungsfreude. Wenn diese „Kräfte“ nachlassen, beginnt die Deaktivierungs- oder Regenerationsphase. Diese Phase manifestiert sich in Gähnen, Seufzen, Abwesenheit, Schläfrigkeit und Tagträumen. Das sind die Momente, die wir durch kurze Pausen ausleben sollten. Wer diese Phasen durch Kaffee oder andere Stimulanzien überlagert, der verbraucht seine Energiereserven und bringt sein Körper-Seele-Gleichgewicht in Unordnung, was wiederum die Grundlage psychosomatischer Erkrankungen ist. Das Burnout Syndrom ist z.B. eine der Folgen eines Lebens am Limit. Um zwischendurch Kraft zu tanken empfehlen wir am Tag ein Kurzschlaf einzufügen.

© Andreas Horlitz

Andreas Horlitz ist der erste Künstler der die innere Uhr in ein Kunstwerk umsetzte. Für die Räume der Gerling Versicherung in Düsseldorf, entwarf Andreas Horlitz eine 25 Meter hohe Säule, die in ihren horizontalen Balken die Aktivitäten eines Menschen visualisieren. Bei dem Menschen handelt es sich um den Schweizer Schlafforscher Alexander Borbély, der sieben Jahre lang einen Aktivitätsmesser am Unterarm trug. Anhand der Balken lassen sich u.a. Borbèlys Reisen durch die Zeitzonen nachvollziehen.

¹ Vor 350 Millionen Jahren benötigte die Erde 400 Tage um die Sonne zu umkreisen, der Tag hatte 25 Stunden.

² Karl Hecht, Gut schlafen, Hamburg, 2002

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2 Gedanken zu “Chronobiologie oder die Organisation unseres Alltags

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