Hermann Hesse

Du liegst in später Nacht zu Bett und kannst nicht schlafen. Die Strasse ist still, in den Gärten rührt der Wind zuweilen die Bäume. Irgendwo schlägt ein Hund an; in einer fernen Strasse fährt ein Wagen. Du hörst ihn genau, du erkennst am wiegenden Geräusch, dass es ein Wagen auf Federn ist, du folgst ihm in Gedanken, er biegt um eine Ecke, er fährt plötzlich schneller und bald zerrinnt das eilige Rollen leis in die grosse Stille. Dann ein später Fussgänger. Er geht rasch, sein Tritt hallt sonderbar in der leeren Strasse. Er bleibt stehen, schliesst eine Tür auf, zieht sie hinter sich zu, und wieder ist grosse Stille. Wieder und noch einmal klingt ein kleines Stück Leben herein, immer seltener, immer schwächer, und dann kommen die Stunden, wo alles müde ist und jeder leiseste Wind und jedes feine Mörtelkorn, das hinter den Tapeten niederrinnt, laut hörbar und mächtig wird und dir die Sinne erregt. Und kein Schlaf. Nur die Müdigkeit zieht einen feinen Schleier über-Augen und Gedanken, du hörst ein rastloses Blut im Ohre klingen, du hörst im schmerzenden Kopf das feine, fiebernde Leben, du spürst in aufliegenden Adern den gleichmässigen und doch verwirrenden Takt der Pulse.

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