Schlafkuriositäten I

Der Betten/Matratzenmarkt wird immer unübersichtlicher. Jedes Jahr erscheinen „revolutionäre“ Neuerfindungen auf dem milliardenschweren Bettenmarkt. In dem Loriot-Sketch „Der Bettenkauf“ von 1977 sind die Federmuffen noch einzeln aufgehängt und kreuzweise verspannt, also hüftfreundlich in der Seit- und Bauchlage. Doch das reicht heute nicht mehr:

Aufwachlampen beginnen eine halbe Stunde vor der Weckzeit immer stärker zu leuchten, geben Vogelgezwitscher von sich und machen angeblich „frisch und ausgeschlafen“. Wann für den Schläfer der richtige Zeitpunkt zum Aufwachen gekommen ist, erkennen Schlafphasenwecker mit Bewegungssensor angeblich sogar selbst … Schlafmasken, Ohrstöpseln und Kissen für sämtliche Körperteile … werden (nebst) elektrosmogabweisenden Pyjamas und Matratzenauflagen angeboten. Letztere hat die Firma Samina nach eigenen Angaben mit „international anerkannten Experten“ entwickelt: Mit eingewirkten Magneten und Silberfäden schützt sie angeblich auch vor „Biostörzonen“¹

Mittlerweile geben in Umfragen rund die Hälfte der Deutschen an, schlecht zu schlafen. Und das obwohl der Schlaf immer mehr vermessen, erforscht und vermarktet wird. Könnte es sein, das alle Wasserbetten, viskoelastische Formmatratzen, drei, vier, fünf Zonen Matrazen, Kaltschaum- , Taschenfederkern- und Viskosematratzen uns nicht besser, sondern schlechter schlafen lassen?

Der französische Schriftsteller Henri-Frédéric Blanc schrieb:

„Den Schlaf entschlüsselt man nicht, man schläft ihn. Den Schlaf definiert man nicht, er ist es, der definiert. Den Schlaf wägt man nicht ab, er ist die Waage. Unsere Gesellschaft die den Göttern der Effizienz, der Rentabilität und der Spezialisierung opfert, verwandelt den Schlaf in eine gewöhnliche physiologische Funktion. So ist Schlaf kein Vergnügen mehr, sondern wird zur Last. Man hat nicht mehr Lust zu schlafen, man will schlafen. Schlaf ist das Gegenteil von wollen! Man findet den Schlaf weil man nichts mehr sucht. Der größte Feind des Schlafs ist die Furcht vor der Schlaflosigkeit, die wie ein Damoklesschwert über unserem Bett hängt. Wir müssen um jeden Preis schlafen, um die irrsinnige Jagd am nächsten Tag durchzuhalten. Man gibt sich dem Schlaf nicht mehr hin, man konsumiert ihn. … Den Schlaf betrügt man nicht. … Wer unredlich schläft und seinen Schlaf mißachtet, wird nicht weit schlafen.“²

Na dann: Gute Nacht

¹ Möbel für die Nacht -Teurer liegen. © http://www.süddeutsche.de / Britta Vierlinden
² Im Reich des Schlafs, Henri-Frédéric Blanc, Fischer Taschenbuchverlag

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Ein Gedanke zu “Schlafkuriositäten I

  1. Lieber Georg,
    da gebe ich dir völlig recht, je mehr sich die Leute um irgendwelche besonderen „Schlafgadgets“ bemühen und sie gebrauchen, desto schlechter schlafen sie. Ich meine auch, dass eine „naive“ Einstellung zum Schlaf wichtiger als jede Matratze oder was auch immer ist.
    Ganz liebe Grüße vom sonnigen Meer
    Klausbernd und seine munteren Buchfeen Siri und Selma 🙂 🙂 🙂

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