Moritz Gottlieb Saphir – Die Kunst einzuschlafen

Die Kunst einzuschlafen, oder: Die Kunst sich selbst Langeweile zu machen um 1890

Es gibt eine große Kunst: sich selbst auszuschlafen; aber es gibt eine noch größere, noch schwierigere Kunst: einzuschlafen.
Das ist eine Kunst, man im buchstäblichen Sinne des Wortes nur im Schlafe lernen kann, und wenn man über diese Kunst ganze Nächte lang wacht, so lernt man sie erst recht nicht! Die Kunst, einzuschlafen, ist eigentlich nichts als die Kunst, sich selbst Langeweile zu machen! Es gibt keinen größeren Beweis von der Eigenliebe und von der Eitelkeit der Menschen, als wenn sie sagen: ich kann bei Nacht nicht einschlafen! Das ist nichts als ein Beweis, wie gut sie sich mit sich selbst unterhalten, wie amüsant und geistreich sie ihre eigenen Gedanken finden. Wenn man in großer Gesellschaft ist, so läuft man oft alle Augenblicke Gefahr sogleich einzuschlafen, ist man aber allein, abends, im Bette, mit niemanden beschäftigt als mit sich, hört man nichts als das, was man sich selbst sagt, in Gedanken oder in Monologen, da ist man entsetzlich wach und munter! Oh unbegreifliche Selbstliebe und Selbstgefallung!
Im Schlaf gehen die Geschäfte des Herzens und der Lunge nach wie vor fort; das Herz mag als des Tages über gute oder schlechte Geschäfte gemacht haben, der Schlafe ändert nichts, und dennoch kann ein bewegtes Herz es schwer zum Einschlafen bringen! Allein ein ganz gesundes Herz schläft gar nicht – es schnarcht nur zuweilen!
Also die Kunst einzuschlafen, erfordert erstens, daß man kein Herz habe; das Herz ist die Unruhe im Menschen; und mit Unruhe kann man nicht einschlafen. Zweitens, daß man nichts denke: denn Denken ist ein Andrang von lebesnschädlichen und organismuszerstörenden, bösen Einflüssen nach dem Kopfe, und zum leicht und bald Einschlafen gehört eine bequem, der geistig und leiblichen Ruhe zuträgliche Leerheit des Kopfes. Drittens, daß man nichts besitze, daß man weder im Herzen, noch im Kopfe, noch im Koffer etwas habe, überhaupt daß man auf der ganzen Welt nichts besitze, der Besitz, jeder Besitz, es sein nur der eines Dukatens, oder eines Hauses, oder eines Herzens, oder auch nur eines Talentes – dieses gefährliche Schieß- und Mordgewehr – hebt die freie Wirksamkeit der Seele nach innen auf, richtet sich auf die Außenwelt und zerstört allen Schlaf.
Um zu jeder Zeit leicht und schnell Einschlafen zu können, gehört vor allem, daß man kein Vermögen, werde im barem Gelde noch in Grundstücken, habe und doch auch kein Börsenspekulant sei; daß man nichts und niemand auf der ganzen Welt liebe, für niemand Sorge trage und sich um keines menschliches Wesen Wohl und Weh‘ zu bekümmern habe; daß man sich gar keines Talentes bewußt sei, daß man die sichere Überzeugung habe: „Morgen früh, wenn ich aufstehe, bin ich ein so dummer Kerl und ein talentloses Wesen, wie es nur eines unter der lieben Sonne geben kann.“ Wenn man bei allem diesen nichts gegessen hat, bloß ein Glas Zuckerwasser trank, sich leicht bedeckt, eine weiche Matratze hat und – nicht lesen kann, dann kann man sich der Hoffnung überlassen, leicht einzuschlafen.
Wieviel Mittel gibt es nicht und zählt nicht Jean Paul her, um schnell einzuschlafen: die Fensterscheiben zählen; das Einmaleins lernen; die Punkte in den Tapeten berechnen, eine gewisse Melodie solange immer von neuem summen, mit dem Finger das Antlitz herumfahren usw. usw. usw.
Aber es geht diesen Mitteln wie allen Hausmitteln: sie sind alle recht gut, aber sie nützen alle nichts!
Es ist ein großes Unglück, daß sich die Menschen so gut mit sich selbst unterhalten! Man ist so seelenvergnügt, wenn man keinen anderen Zuhörer hat als das – Kopfkissen! Das Kopfkissen gähnt uns nicht ins Angesicht, das Kopfkissen hört uns geduldig zu, und wer am besten zuhört, ist der beste Gesellschafter!
Von was spricht der Mensch mit dem Kopfkissen? Von sich! Von sich! Von sich! Kann man bei einem so interessanten Gespräch einschlafen? Das wäre eine Beleidigung an sich, und sich selbst beleidigt kein Mensch sobald!
Ich kenne Schriftsteller, die mit dem Vorlesen ihrer eigenen Schriften ganze Gesellschaften eingeschläfert haben; sie selbst lesen sich ihre Werke aber selbst alle Nacht vor, und es kommt ihnen kein Schlummer in die Augen! Ich kenne andere, die eine Sucht zum Anekdotenerzählen haben: wenn sie dieselben in Gesellschaften erzählen, so schlummert der auftragende Bediente im Gehen plötzlich ein, die Natur selbst fängt zu gähnen an, und Todesschlaf herrscht ringsum; dieselben wiederholen sich diese Anekdoten alle Nacht allein im Bette und unterhalten sich dabei so köstlich, daß sie nicht einzuschlafen imstande sind!
Ich komme nun zurück, daß die leidige Selbstliebe der Feind ist, warum Menschen nicht einschlafen können
Ich kenne Menschen, die, wenn man ihnen auf der Straße begegnet, eine solch narkotische Einwirkung machen, daß man sich an das erste beste Haus anlehne und schlummern muß, bis diese vorüber sind, und diese Menschen klagen auch, daß sie nicht einschlafen können! Sie müssen als notwendigerweise nachts ganz aus sich heraustreten und sich für ein anderes Individuum halten.
Man sagt, um bald einzuschlafen, müsse man das Licht auslöschen; Unsinn! In Gegenden, wo gar kein Licht herrscht, hört man auch die Klage: „Ich kann gar nicht einschlafen.“ Das Licht ist kein Hindernis des Schlafes, denn der erste Mensch ist sogleich nach der Erschaffung großen und des kleinen Lichtes eingeschlafen: Daß aber der erste Mensch so bald und so leicht einschlief, ist ein Beweis für meinen Ausspruch: Man muß gar kein Vermögen besitzen, niemanden lieben, nichts wissen, nicht lesen können und – unverheiratet sein, um bald und schnell einzuschlafen.
Daß aber das Licht am Einschlafen nicht schadet, beweist der Umstand, daß manche Menschen gerade in der Gesellschaft der größten Lichter am ehesten einschlafen! Ja, daß das Licht durchaus dem Einschlafen zuträglich ist, geht auch daraus hervor, das man tausend und tausende Dinge, Prozesse, Untersuchungen usw. je eher einschlafen läßt, je greller das Licht ist, in welchem sie erscheinen!
Ich glaube, gerade im Finsteren kann man gar nicht einschlafen, denn schlafen heißt Sinnesempfindungen unterbrechen, aufhören machen; und gerade im Finstern werden die Sinnesempfindungen am meisten wach gehalten.
Ich für meinen Teil, ich finde nie mehr Lust, zu schlafen, als bei einer Illumination, bei einem Feuerwerk, und die Feuerspitzen sind manchen Orten nie von einem tieferen Schlaft befallen, als bei einem hellen Brande.
Ein Betrunkener schläft sogleich ein, und der ist doch lichterloh illuminiert!
Je leichter die Phantasie des Menschen ist, desto eher schläft er ein; je farbloser sie ist, desto weniger; darum schläft die Jugend viel, das Alter wenig! Ich weiß, das ist eine sachliche Anwendung, allein ich rede jetzt aus dem – Schlaf und will versuchen, mich – in den Schlaf zu reden, den ich schreibe diesen Aufsatz nämlich im Bett. – Ich glaube, man fühlt es ihm an, – daß ich nicht schlafen kann!
Ich hab doch nichts, weder Dukaten, noch Liebe, besitze auch kein Talent, bin unverheiratet, kurz ein Eigentümer aller Erfordernisse zum Schlaf, und – kann doch nicht schlafen!!
Wie? Sollte ich auch Wohlgefallen an meiner eigenen Gesellschaft finden? Nicht möglich! Ich habe mir etwas aus meinen Schriften vorgelesen und bin doch nicht eingeschlafen! Da dacht‘ ich, das sind alte Sachen, die wirken nicht so, frische Mittel sind wirksamer, und schreibe mir frisch dieses Opiate. Allein schon sind alle Leser um mich eingeschlafen, und ich bin noch munter, so wach! Es ist entsetzlich! Dreimal hab‘ ich mir das Geschriebene schon vorgelesen, und kein Schlaf kommt in mein Auge! Ich bin nicht imstande, mir Langeweile zu machen. Ich muß heut Nacht schon durchwachen, alter lieber Leser, eingeschlafen bist du schon, schlaf also gut aus!
399px-Saphir_MoritzMoritz Gottlieb Saphir 1795 – 1858 war ein österreichischer Schriftsteller, Journalist, Satiriker und Skandalnudel, zu Zeiten der ausgesprochene Liebling überwiegend des preußischen, bayerischen, und österreichischen Lesepublikums, – Gesprächsstoff in den Salons und Logen, als Lästermaul auf „Academischer Vortragsreise” in allen Städten und Gassen unterwegs, kultivierter und selbsternannter „Secirer” der Theater, unübertroffen in seiner Gnadenlosigkeit und endlos in seinem Witz. Weiterlesen
(Der Text entstammt der Seite: www.derhumorist.de)

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