Wiegenlied

Vor der Türe schläft der Baum,
Durch den Garten zieht ein Traum.
Langsam schwimmt der Mondeskahn,
Und im Schlafe kräht der Hahn.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Schlaf, mein Wulff. In später Stund
Küß ich deinen roten Mund.
Streck dein kleines, dickes Bein,
Steht noch nicht auf Weg und Stein.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Schlaf, mein Wulff. Es kommt die Zeit,
Regen rinnt, es stürmt und schneit.
Lebst in atemloser Hast
Hättest gerne Schlaf und Rast.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Vor der Türe schläft der Baum,
Durch den Garten zieht ein Traum.
Langsam schwimmt der Mondeskahn,
Und im Schlafe kräht der Hahn.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

D_v_Lilienkron_1905

Rudolf Dührkoop – Buch Hamburgische Männer und Frauen am Anfang des XX. Jahrhunderts, Hamburg 1905

Detlev von Liliencron „Damals war Liliencron mein Gott, ich schrieb ihm eine Ansichtskarte“, so Gottfried Benn über den Schmetterling der wilhelminischen Zeit, der verarmte Adelige und literarischer Tausendsassa, der ein soldatisches Image pflegte und der Nachwelt die schönsten Verse hinterließ. 1844 in Kiel geboren, besuchte Liliencron die preußische Kadettenschule, schlug sich in zwei Kriegen, lebte als Klavierlehrer in Amerika – wohin er vor Spielschulden floh, kehrte nach Deutschland zurück, war Inselvogt in Pelleworm, ehe er erneut wegen Spielschulden auffiel und aus dem Staatsdienst entlassen wurde. Seit 1885 lebte er gezwungenermaßen als freier Schriftsteller.
Als Selbstdarsteller war Liliencron in den Münchener und Berliner Salons eine eindrucksvolle Persönlichkeit, er war ein „Gesamtkunstwerk“ und beschrieb sich selbst einmal als „Haremswächter, Seiltänzer, Bauchredner, höherer Magiker, Flohtheaterbesitzer, Wahrsager, Zirkusdirektor, Feuerfresser, Messerschlucker, Lebende-Kaninchen-Verschlinger, Doktor Eisenbart, Schlangenmensch, vereidigter Brettlspringer, Akrobat, Verwandlungskünstler, der nicht Dagewesene am Reck, Clarinettenvirtuose, Champion of the World!“
Liliencron lässt sich nur schwer einer bestimmten Literaturepoche zuordnen. Seine Gedichte sind geprägt durch die Spannung zwischen Naturalismus und Neuromantik, weisen erste Anklänge des aufkommenden Expressionismus auf und gelten als Vorläufer der Moderne.
Zu seinem 60. Geburtstag versammelten sich mehr als 2.000 Gäste in Hamburg, das kaiserliches Stipendium für den allzeit Verschuldeten – ein „Gnadengehalt“ wie es der Hof nannte – drohte man ihm wegen Liebäugelns mit der Sozialdemokratie“ wieder zu entziehen. 1909 wurde ihm zu seinen 65. Geburtstag die Ehrendoktorwürde der Universität Kiel verliehen. Liliencron starb 1909 an einer Lungenentzündung.
Hier gelangen Sie zu Liliencrons Werke im Projekt Guenberg.

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