Wiegenlied für meinen Jungen

Schlaf, mein Küken – Racker, schlafe!
Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe,
bläkt ein großes, mäkt ein kleines,
und das kleine, das ist meines!
Bengel, Bengel, brülle nicht,
du verdammter Strampelwicht.

Still, mein süßes Engelsfüllen:
morgen schneit es Zuckerpillen,
übermorgen blanke Dreier,
nächste Woche goldne Eier,
und der liebe Gott, der lacht,
dass der ganze Himmel kracht.

Und du kommst und nimmst die Spenden,
säst sie aus mit Sonntagshänden,
und die Erde blüht von Farben,
und die Menschen tun’s in Garben
Herr, den Bengel kümmert nischt,
was man auch für Lügen drischt!

Warte nur, du Satansrachen:
heute Nacht, du kleiner Drachen,
durch den roten Höllenbogen
kommt ein Schmetterling geflogen,
huscht dir auf die Nase, hu,
deckt dir beide Augen zu;

deckt die Flügel sacht zusammen,
dass du träumst von stillen Flammen,
von zwei Flammen, die sich fanden,
Hölle Himmel still verbanden – –
so, nu schläft er; es gelang;
Himmel Hölle, Gott sei Dank!

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Richard Dehmel 1905 auf einer Fotografie von Rudolf Dührkoop

Richard Dehmel (1863-1920) war ein deutscher Schriftsteller. Als Sohn eines Försters war Dehmel naturwissenschaftlich interessiert und fasziniert von den (in der Schule verbotenen) Lehren Darwins. Das Studium der Philosophie und der Naturwissenschaften in Berlin und Leipzig schloß er 1887 mit der Promotion ab. Neben dem bürgerlichen Beruf als Sekretär beim Zentralverband Deutscher Privater Feuerversicherungen in Berlin schrieb er Gedichte. Dehmel floh 1893 aus dem Beruf nach Hamburg zu seinem Freund Detlev von Liliencron. 1895 wagte er den Schritt in die Existenz als freier Schriftsteller, war Mitgründer der Kunstzeitschrift „Pan“. Eine Verurteilung wegen Verletzung religiöser und sittlicher Gefühle durch das Gedicht Venus Consolatrix  machte seinen Namen 1896 bekannt. Dehmel galt in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker. Berühmte Komponisten wie Richard Strauss, Max Reger, Arnold Schönberg, Anton Webern und Kurt Weill vertonten seine Gedichte.Er förderte jüngere Talente mit Ratschlägen, darunter Hofmannsthal, Rilke, Thomas Mann, Hesse. Trotz seines Alters meldete er sich im 1. Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger und war bis 1916 im Einsatz. Kurz vor Kriegsende 1918 forderte er die Deutschen in einem Aufruf noch zum Durchhalten auf. Er starb am 8. Februar 1920 an einer im Krieg zugezogenen Venenentzündung. Hier der Link zu seinen Werk bei zeno.org  Quelle: Wikipedia/gutenberg.spiegel.de

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