Der antike Heilschlaf

Äskulap bzw. Asklepios mit Schlangenstab – Halbrondell Neues Palais Sanssouci. Foto: Steffen Heilfort

Die Menschen in der Antike wussten durch Erfahrung wie wichtig der Schlaf – vorbeugend und heilsam – bei Krankheiten war. Ein Wissen das in Vergessenheit gerät. Aus der theurgischen Medizin (Entstehung und Heilung einer Krankheit wird einer übernatürlichen Kraft zugeschrieben), entwickelte sich in der Antike eine religiös geprägte Heilweise in deren Mittelpunkt Schlaf und Traum standen. Da Krankheiten auf göttliche Fügung zurückgingen, konnten sie auch nur durch eine Gottheit geheilt werden. Der Gott der Heilkunst Asklepios oder Äskulap war der Namensgeber der Heiligtümer in denen der Heilschlaf praktiziert wurde. Die Asklepieen entstanden an klimatisch und hygienisch günstigen Orten und waren ganzheitliche Zentren für Körper, Geist und Seele. In Epidauros (Griechenland) befand sich das bedeutsamste Asklepion. Ausgrabungen und deren steinerne Zeugnisse geben eine genauere Vorstellung über den Ablauf einer Heilkur.

Die Behandlungen wurden von Priestern und nicht von Ärzten durchgeführt. Zur seelischen Reinigung mussten die Besucher fasten, gefolgt von rituellen Waschungen. Die Reinigungszeremonie wurde durch Musik begleitet und die Wirkung dürfte durch die im Tempel anwesenden Schlangen noch verstärkt worden sein. Daran anschließend wurden dem Gott Asklepios Opfer dargebracht. Die so gereinigten und weiß gekleideten Patienten durften dann in das Abaton (Allerheiligste, das Unbetretbare). Dort begann der eigentliche Heilakt. Im Traum, während des Heilschlafs, erschien den Kranken ein Heilgott, von dem sie erfuhren, welche Heilmethode die geeignetste sei. Der Patient war verpflichtet den Traum schriftlich niederzulegen und den Priesterärzten zu übergeben. Die daraus entwickelten Therapien bestanden z.B. aus Fasten- oder Wasserkuren, Gymnastik, aber auch aus operativen oder medikamentösen Verfahren. Ein weiterer Bestandteil der Therapie war das kulturelle Angebote wie das 12.000 Personen fassende Theater, eine Bibliothek oder ein Sportstadion.

Der Glaube an die Heilung ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Die durch Glauben wirksam werdenden Kräfte sind nicht vergleichbar mit dem bekannten Placebo-Effekt, da sie sich auf eine über das eigene ich hinausreichende Wirklichkeit bezieht.

Durch die Inszenierung wurde der Patient in einen Zustand versetzt, der besondere psychische Kräfte freisetzte. Dazu kam, dass sich die Kranken selbst unter einen starken Erfolgsdruck setzten – der ganze Aufwand der Reise kann doch nicht vergeblich gewesen sein! Hier der Kurbericht des Apellas aus dem 2. Jahrhundert v. Ch.

Ich, Markus Iulius Apellas, aus Mylasa in Karien, wurde vom Gott hergeholt, weil ich oft krank wurde und an Verdauungsstörungen litt. Auf der Herfahrt also befahl er mir in Ägina, mich nicht heftig aufzuregen. Als ich ins Heiligtum kam, befahl er mir, für zwei Tage, während welcher Regen fiel, den Kopf zu verhüllen, Käse und Brot zu essen, Sellerie mit Salat, allein ohne fremde Hilfe zu baden, mich im Laufsport zu trainieren, von einer Zitrone die Schale, in Wasser eingeweicht, einzunehmen, im Bad bei den Akoai mich an der Wand zu reiben, den Wandelgang im Obergeschoss zu nutzen, die Schaukel zu benutzen, mich mit Sandbrei einzuschmieren, barfuss zu gehen; bevor ich im Bad ins warme Wasser steige, mich mit Wein zu übergiessen, mich allein zu waschen und eine attische Drachme dem Bademeister zu geben; dem Asklepios, der Epione und den Eleusinischen Göttinnen zusammen zu opfern, Milch mit Honig einzunehmen, als ich eines Tages nur Milch trank, sagte er: „Füge Honig zur Milch, damit es durchzuschlagen vermag!“ Als ich den Gott bat, mich schneller zu befreien, träumte ich, ich komme, mit Senf und Salz eingerieben, heil bei den Akoai aus dem Allerheiligsten heraus, ein Kind gehe mit einem dampfenden Weihrauchgefäss voraus, und der Priester sage: „Du bist geheilt, musst aber den Lohn bezahlen.“ Und ich tat, was ich im Traum gesehen hatte; und als ich mich mit Salz und Senf eingerieben hatte, bekam ich Schmerzen; als ich aber badete, nicht mehr. Dies in neun Tagen, seit meiner Ankunft. Er berührte auch meine rechte Hand und die Brust. Als ich am folgenden Tag Weihrauch darbrachte, versengte eine aufschiessende Flamme meine Hand, so dass sogar Blasen entstanden. Bald darauf wurde die Hand gesund. Als ich noch blieb, sagte er mir, ich soll Dill mit Öl gegen mein Kopfweh gebrauchen; ich hatte jedoch gar kein Kopfweh. Da passierte es mir, dass ich beim Studieren Blutandrang im Kopf bekam. Nachdem ich das Öl angewendet hatte, wurde ich von den Schmerzen befreit. Mit kaltem Wasser gegen die Schwellung des Zäpfchens zu gurgeln – denn auch darüber konsultierte ich den Gott –, ebenso gegen Mandelentzündung. Er befahl mir auch, dies aufzuzeichnen. Dankerfüllt und gesund reiste ich ab. Inschriftlicher Kurbericht des Apellas, Epidauros, 2. Jh. n. Chr.

Die Methode des Heilschlafs hielt sich in Mitteleuropa bis ins Mittelalter. Die christliche Religion ersetzte die Götter Asklepios oder Hygieia durch Heilige wie Damina oder Thekla. Die Asklepien wurden zu Kirchen umgebaut.

In der modernen Medizin wird der Heilschlaf in Form eines künstlichen Komas wiederaufgegriffen. Hier zeigen sich die Heilkräfte, die im Schlaf freigesetzt werden können. Anfang 2011 wurde die Gesellschaft für Heilschlaf-Hypnose e.V. gegründet, die hinsichtlich ihres Namens eine Anleihe beim erfolgreichen antiken Heilschlaf nimmt und dadurch gekennzeichnet ist, dass Hilfesuchende ihre Lösung selbst erträumten.

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Ein Gedanke zu “Der antike Heilschlaf

  1. Oh schön, mal keine Schlange, die in die Schale spuckt…
    Auch heutzutage und hierzulande kann man den Heilschlaf nutzen, um zur Gesundung zu kommen. Meist erzählt der Patient einen Traum, der manchmal Wege zur Heilung oder direkt das Heilmittel enthält. Und ich habe auf einem Seminar erlebt, in dem der antike Heilschlaf rituell nachempfunden wurde, dass erstaunliche Dinge beim kollektiven Schlafen erfahren wurden. Also alles gar nicht so weit weg…
    meint
    die Gartenfee

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