Hans Schiebelhuth – Der große Schlafdieb


Der große Schlafdieb war ein Mann von Ruf,
Der, seiner Zeit ein Riesenstück voran,
Eh die moderne Technik noch begann,
Vielforschend, vielentdeckend, Dinge schuf
Und umzugehn verstand mit ihnen,
Denn er ersann
Die ersten Schlafluft-Saugmaschinen,
Genannt Morpheo-klepto-automate,
Auch Somnex-Aërruptostate.
Ins Uvadoro bracht‘ er ein Gerätchen,
An Umfang klein, ein Apparätchen,
Nach Leistung aber ungemein:
Dies Ding aus Schräubchen, Spulchen, Drähtchen
Sog Schlummer aus der Umluft ein.
Er hatte dieses feine Instrument,
Aufs Tüttelchen durchdacht, selbstkonstruiert,
Bereits an vielen Orten ausprobiert.
Als Triebkraft nutzte er ein Element,
Das Melaradium, das er selbst entdeckte,
Wo es in Lavalagerungen steckte
Mitsamt dem Erdharz, das es isoliert.
Ein Milligramm genügte zur Battrie;
Der Rest war Technik, Apparat, Maschinerie,
Sein Forschergeist erschürft‘ das Wie.
Ihm war von vornherein zum Ziel
Bekannt, daß viel,
Ja, oft das Schönste auf der Welt,
Zum Beispiel Glück, Begabung, Liebe
Und auch der Schlaf vom Himmel fällt;
Und drum war das Funktionsgetriebe
Auf dieses Faktum eingestellt.
Das Melaradium (fand er) wirkt
In einem Umkreis wohlbezirkt:
4,8 km plus x, die Radius-Zahlen …
Es strahlt (fand er) mit schwarzen Strahlen,
An die, nach nekrophysischem Gesetz,
Wie Tropfen Tau ins Spinnennetz,
Der Schlaf sich hängt,
Wenn er sich niedersenkt,
Vorzüglich aber Dickschlaf kleiner Städte.
Die Strahlen (fand er) sind wie Leitungsdrähte,
An denen Wassertropfen laufen,
Geschickt gelenkt …
Die Strahlen (fand er) zapfen, saugen, saufen
Die Schlaf Substanz … Man leitet zur Battrie,
Dort (fand er) fängt
Und kondenziert man sie.

© Agora Verlag

© Stadtarchiv Darmstadt

Hans Schiebelhuth (1895 -1944) war ein expressionistischer Schriftsteller und Dichter. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Im ersten Weltkrieg wurde Schiebelhuth schwer verwundet. Nach der Genesung arbeitet er als Journalist und bereiste Frankreich, Italien und die USA. 1912 erschien sein erster Gedichtband. Er war mit Carl Zuckmayer befreundet und hatte Verbindungen zu dem Kreis um Stefan George. Schiebelhuth übersetzte den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe, sein eigenes dichterisches Schaffen blieb weitgehend unbeachtet. Sein wichtigstes Werk erschien 1932 „Schalmei vom Schelmenried“ aus dem obiges Zitat stammt. 1923 heiratete er die Amerikanerin Alice Williams. Sei 1937 lebte Schiebelhuth in den USA und kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück. In jenen amerikanischen Jahren traf er öfter Carl Zuckmayer. Quellen: Stadtlexikon Darmstadt, Wikipedia CC-by-sa-3.0

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