Einschlafen

Felix Valloton – Ruhende, 1899

Der Tag ist aus, und nun – wie himmlisch wohl wird’s tun,
Vergessend seine Müh’n in sanftem Schlaf zu ruhn.
– Es war ein harter Tag. Vorüber und vorbei!
Gott gebe, daß, der kommt, ein minder harter sei;
Wenn nicht – nun denn, nun denn! – zu leiden und zu streben,
Ob mit, ob ohne Lohn, das nennen wir ja leben.
Die oft ersehnte Stund‘, sie bleibt nicht aus am Ende,
Da man zu ew’ger Rast darf kreuzen seine Hände.
Erlösungbringer Tod! wer hat nicht dein gedacht,
Als er sich hingestreckt zum Schlaf in stiller Nacht?
Der Schlaf ist kurzer Tod, wir können Probe halten
Vom dunkeln Schicksalsstück, darin als Held zu walten
Jedwedem einst bestimmt. – Wär’s jedem auch beschieden,
Mit sich und mit der Welt dahinzugehn in Frieden.
In sel’gem Frieden … Ach, braucht‘ ich zu wünschen nur,
Die Menschen hätten ihn, ihn hätte die Natur,
Kein Wesen fühlte Qual, selbst nicht der kleinste Wurm,
Ich schafft‘ auch Ruh dem Meer, der Wolke und dem Sturm …
Ein sonderbares Wort hab‘ ich dereinst vernommen
Und konnt darüber nie zu voller Klarheit kommen.
– Nirwana war das Wort. Das heißt … o Müdigkeit! –
Nicht denken jetzt, nicht mehr – es ist ja Schlafenszeit,
Willkommen, holde Zeit; sei gnädig mir, entrücke
Mich allem Leid.
Ich wollt‘, ich fänd‘ einmal die Brücke,
Die aus dem wachen uns, dem vollbewußten Sein
Ins halbbewußte Reich des Traumes führt hinein.
Ein zarter Wunderbau, ein rätselhafter Steg,
Nur das geschloss’ne Aug‘ entdeckt zu ihm den Weg. – – –
Ei horch, wie’s summt und klingt: – die Spieluhr regt sich wieder
Und bringt ihr Liedchen vor vom muntren Seifensieder …
Der es so gerne hört, mein ferner Liebling, du,
Wann endlich kehrst du heim? wann jauchzt dein Gruß mir zu? …
Viel Zeit muß noch vergehn, und Sommer muß es sein,
Und linde Luft muß wehn durch unsern Fichtenhain …
Da steht er ja, er selbst – umhaucht von Harzesduft,
Die Wipfel ragen schlank und schimmernd in die Luft. –
Ich seh‘ die Wiesen rings im Frühlingsglanz sich breiten
Und durch das junge Grün ein junges Kindlein schreiten.
So komm! – wo bist du nun? … gar nirgends zu entdecken –
Beim ersten Wiedersehn spielt schon das Kind Verstecken – –
Mit ihm verschwand der Tag; schneeweiße Nebel wallen,
Die qualmend sich zerstreun, die sich zusammen ballen –
Und jetzt – o Seligkeit – o Himmelsblumen: Sterne!
Erhebt sichs wie Gesang so mild und rein –
Ich schlafe nicht, noch lange nicht – o nein –
Marie von Ebner-Eschenbach

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