Theodor Storm – Zur Nacht

William Claxton – Steve McQueen ©Demont Photo Management

Vorbei der Tag! Nun laß mich unverstellt
Genießen dieser Stunde vollen Frieden!
Nun sind wir unser; von der frechen Welt
Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden.

Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt,
Der Liebe Strahl sich rückhaltlos entzünden;
Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt,
Mich deiner Stimme lieben Laut empfinden!

Was gibt es mehr! Der stille Knabe winkt
Zu seinem Strande lockender und lieber;
Und wie die Brust dir atmend schwellt und sinkt,
Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber.

Advertisements

Anna Ritter – Schlafe, ach schlafe

pasquale-de-antonis-ermafrodita-dormiente-1947

Foto: Pasquale de Antonis – Ermafrodita dormiente, 1947

Schlafe, ach schlafe
Und dürft‘ ich dich wecken zum Sonnenlicht
Aus Schatten des Todes, ich thät es nicht,
Ich sänke nieder an deinem Grab
Und leise raunt ich ein Lied hinab:
Schlafe, ach schlafe!

O laß in dein traumtiefes Kämmerlein
Kein Fünkchen des schimmernden Licht’s hinein,
Denn was die Sonne dir auch verspricht,
So hell, so strahlend – sie hält es nicht.
Schlafe, ach, schlafe.

Anna Ritter (1865-1921)  veröffentlichte 1898 ihre erste Gedichtesammlung. 1900 wurde sie Mitarbeiterin der Zeitschrift „Die Gartenlaube“. Ritter gehörte zum Kreis der Autoren und Schriftsteller, die im Auftrag des Kölner Schokoladeproduzenten Ludwig Stollwerck an der literarischen Gestaltung der Stollwerck-Sammelbilder und Sammelalben mitarbeiteten.

Theodor Körner – Gute Nacht!

Joseph_Ducreux_-_Self-Portrait,_Yawning

Joseph Ducreux – Selbstportrait beim Gähnen, 1783

Gute Nacht!
Allen Müden sei’s gebracht!
Neigt der Tag sich schnell zum Ende,
Ruhen alle fleiß’gen Hände,
Bis der Morgen neu erwacht.
Gute Nacht!

Geht zur Ruh!
Schließt die müden Augen zu!
Stiller wird es auf den Straßen,
Und den Wächter hört man blasen,
Und die Nacht ruft allen zu:
Geht zur Ruh!

Schlummert süß!
Träumt euch euer Paradies!
Wem die Liebe raubt den Frieden,
Sei ein schöner Traum beschieden,
Als ob Liebchen ihn begrüß’!
Schlummert süß!

Gute Nacht!
Schlummert, bis der Tag erwacht!
Schlummert, bis der neue Morgen
Kommt mit seinen neuen Sorgen!
Ohne Furcht! Der Vater wacht.
Gute Nacht

Rainer Maria Rilke – Zum Einschlafen zu sagen

pablo-picasso-sleeping-woman-meditation1904

Pablo Picasso – Schlafende Frau, 1904

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Ernst Wilhelm Lotz – Schlaf-wach

Zum Schlag der Nachtuhr schwingt mein Blut das Pendel.
Ich liege ausgereckt.
Und warte atmend. Stunden rauschen auf.
Und jede Stunde hält ein kreisendes Licht.
Ein tiefbedeckter Gang zeigt in die Ferne,
vom Stundenlicht bedämmert.

Mein Auge starrt beglänzt.

Nachthelle Stunden!
Ihr könntet schaukelnde Schmetterlinge sein,
maibunt bemustert und Pfauenaug-gefiedert.

Ihr könntet summen, getragen auf Akkorden,
Dom-hallend, weit durch Türen, Läden und Stille,
herschwingende, versponnene Musik.

Die Nacht ist bunt und glücklich.
Vor meinen Augen baut sie ein taumelndes Kugelspiel aus Glaskugeln.

Mit weichen Glöckchen macht sie ein Ohrengeklingel.

Dann zupft sie hoch von wasserrauschenden Bäumen
– das wogt und fächert –
viel erdbeergroße rote Beeren herab.
Sie spielt damit umher und schnellt sie und fängt sie
und singt verweht einen Kinderreim.
Und nimmt sie zusammen und reiht sie und schwingt sie
im Kreis bunt rund
und wirft sie um meinen Mund.

Rotglühend brennt ein lutschend-süßer Kuß!
Die Nacht ist bunt und zeitlos glücklich.

lotzer90-233x300Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914) gehört zu jener Gruppe junger Dichter und Künstler, die gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs dessen Opfer wurden. Er gehörte zu jener Generation feinnerviger junger Lyriker, die das nahende Ende der Epoche der Leere und Scheinsicherheit spürten, in die sie hineingeboren waren, und deren idealistisch-vage bzw. extrem-revolutionäre Sehnsüchte von einer gewaltigen Explosion „das Neue“ erhofften, den neuen, den freien Menschen — eine die Expressionisten, denen Lotz zuzurechnen ist, insgesamt charakterisierende Grundhaltung. Hier der Link zu einem ausführlichen Portrait der Schriftstellers von Friedrich Bischoff für die ZEIT.

Napoleon über den Schlaf

Deutsche Karikatur aus dem Jahr 1816

Napoleon I. ist einer der berühmten Kurzschläfer der Geschichte. Angeblich sagte er:

„Vier Stunden schläft der Mann, fünf die Frau, sechs ein Idiot“

Interessant ist seine Fähigkeit rasch „abzuschalten“ und sofort einzuschlafen:

„In meinem Kopf sind die verschiedenen Affären fachweise geordnet wie in einem Schrank. Wenn ich eine unterbrechen will, so schließe ich ihr Schubfach und öffne das einer anderen. Sie geraten nie durcheinander, sie verwirren mich nicht und ermüden mich nicht durch ihre Vielfältigkeit. Will ich schlafen, so schließe ich alle Schubfächer und bin sofort eingeschlummert.“

Ein andermal vergleicht er seinen Kopf mit einem Taubenschlag:

„Um über irgendetwas zu verfügen, öffne ich das betreffende Flugloch, indem ich gleichzeitig alle übrigen schließe; wenn ich schlafen will, schließe ich sie alle.“

Infolge dieser Fähigkeit genügten ihm drei bis sechs Stunden Schlaf, sonst arbeitete er ununterbrochen. Napoleon starb im Alter von 52 Jahren an den Folgen einer Magenkrebserkrankung.

Karl Ernst Knodt – Bitte

Charles Carolus-Duran – L’Homme endormi, 1861, Palais des Beaux-Arts de Lille

Träufle mir den Tropfen kühles Blau ins Blut,
heilend Licht, der auch des Himmels Abendglut
läutert zu dem heiligen blau vor naher Nacht,
das ein heißes Tagesleben ruhig macht.
Karl Ernst Knodt

Einschlafen

Felix Valloton – Ruhende, 1899

Der Tag ist aus, und nun – wie himmlisch wohl wird’s tun,
Vergessend seine Müh’n in sanftem Schlaf zu ruhn.
– Es war ein harter Tag. Vorüber und vorbei!
Gott gebe, daß, der kommt, ein minder harter sei;
Wenn nicht – nun denn, nun denn! – zu leiden und zu streben,
Ob mit, ob ohne Lohn, das nennen wir ja leben.
Die oft ersehnte Stund‘, sie bleibt nicht aus am Ende,
Da man zu ew’ger Rast darf kreuzen seine Hände.
Erlösungbringer Tod! wer hat nicht dein gedacht,
Als er sich hingestreckt zum Schlaf in stiller Nacht?
Der Schlaf ist kurzer Tod, wir können Probe halten
Vom dunkeln Schicksalsstück, darin als Held zu walten
Jedwedem einst bestimmt. – Wär’s jedem auch beschieden,
Mit sich und mit der Welt dahinzugehn in Frieden.
In sel’gem Frieden … Ach, braucht‘ ich zu wünschen nur,
Die Menschen hätten ihn, ihn hätte die Natur,
Kein Wesen fühlte Qual, selbst nicht der kleinste Wurm,
Ich schafft‘ auch Ruh dem Meer, der Wolke und dem Sturm …
Ein sonderbares Wort hab‘ ich dereinst vernommen
Und konnt darüber nie zu voller Klarheit kommen.
– Nirwana war das Wort. Das heißt … o Müdigkeit! –
Nicht denken jetzt, nicht mehr – es ist ja Schlafenszeit,
Willkommen, holde Zeit; sei gnädig mir, entrücke
Mich allem Leid.
Ich wollt‘, ich fänd‘ einmal die Brücke,
Die aus dem wachen uns, dem vollbewußten Sein
Ins halbbewußte Reich des Traumes führt hinein.
Ein zarter Wunderbau, ein rätselhafter Steg,
Nur das geschloss’ne Aug‘ entdeckt zu ihm den Weg. – – –
Ei horch, wie’s summt und klingt: – die Spieluhr regt sich wieder
Und bringt ihr Liedchen vor vom muntren Seifensieder …
Der es so gerne hört, mein ferner Liebling, du,
Wann endlich kehrst du heim? wann jauchzt dein Gruß mir zu? …
Viel Zeit muß noch vergehn, und Sommer muß es sein,
Und linde Luft muß wehn durch unsern Fichtenhain …
Da steht er ja, er selbst – umhaucht von Harzesduft,
Die Wipfel ragen schlank und schimmernd in die Luft. –
Ich seh‘ die Wiesen rings im Frühlingsglanz sich breiten
Und durch das junge Grün ein junges Kindlein schreiten.
So komm! – wo bist du nun? … gar nirgends zu entdecken –
Beim ersten Wiedersehn spielt schon das Kind Verstecken – –
Mit ihm verschwand der Tag; schneeweiße Nebel wallen,
Die qualmend sich zerstreun, die sich zusammen ballen –
Und jetzt – o Seligkeit – o Himmelsblumen: Sterne!
Erhebt sichs wie Gesang so mild und rein –
Ich schlafe nicht, noch lange nicht – o nein –
Marie von Ebner-Eschenbach

Eduard Mörike – In der Frühe

Eduard_Mörike_und_sein_Umkreis

Mörike (links hinten, sitzend) und seine Freunde, darunter Rudolph Lohbauer (vorn liegend) und Ernst Friedrich Kauffmann (ganz rechts). Lohbauers Tübinger Gartenlaube, ein Ausschnitt aus der Tuschezeichnung von Rudolph Lohbauer; Umschlagvorderseite der Zeitschrift „Kulturstiftung der Länder – Patrimonia 33“ CC-BY-SA-4.0

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin
Und schaffet Nachtgespenster.
– Ängste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu dich! schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

Halb Schlaf (für Uwe Johnson)

Und wie in dunkle Gänge
mich in mich selbst verrannt,
verhängt in eigne Stränge
mit meiner eignen Hand:

So lief ich durch das Finster
in meinem Schädelhaus:
Da weint er und da grinst er
und kann nicht mehr heraus.

Das sind die letzten Stufen,
das ist der letzte Schritt,
der Wächter hört mein Rufen
und ruft mein Rufen mit

aus meinem Augenfenster
in eine stille Nacht;
zwei rufende Gespenster:
eins zittert und eins lacht.

Dann schließt mit dunklen Decken
er meine Augen zu:
jetzt schlafen und verstecken
und endlich Ruh.
Thomas Brasch