Dichtung und Schlaf

Georg Pauli - The Reading Light (1884)

Wie in der bildenden Kunst ist der Schlaf auch in der Literatur ein immer wiederkehrendes Thema. Sie auf dieser Seite Texte und Gedichte aus unterschiedlichen Epochen und Kulturkreisen. Dieser Link führt Sie zur Traum Literatur.

Mit Beiträgen von Emanuel Geibel, Ernst Jünger, Mark Twain, Thomas Mann, Hermann Hesse, Tanja Blixen, Hugo Ball, Edgar Allen Poe, Peter Altenberg, Frank Wedekind, Aristoteles, Ernst Penzoldt, Charles Bukowski, Carl Ludwig Schleich, Paul Charles Dubois, Friedrich Schiller, Fernando Pessoa, Cäsar Otto Hugo Flaischlen, Frank Wedekind, Henri-Frédéric Blanc, Rainer Maria Rilke, Kurt Tucholsky, Walter Serner, Khalil Gibran, Mascha Kaléko, Jonathan Swift, Eduard Mörike, Petronius, Gotthold Ephraim Lessing, Franz Janowitz, Friedrich Hebbel und vielen anderen mehr. Die Seite wird laufend aktualisiert.


Zur Nacht

Vorbei der Tag! Nun laß mich unverstellt
Genießen dieser Stunde vollen Frieden!
Nun sind wir unser; von der frechen Welt
Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden.
 
Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt,
Der Liebe Strahl sich rückhaltlos entzünden;
Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt,
Mich deiner Stimme lieben Laut empfinden!
 
Was gibt es mehr! Der stille Knabe winkt
Zu seinem Strande lockender und lieber;
Und wie die Brust dir atmend schwellt und sinkt,
Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber.
Theodor Storm


Schlaf, den Schmerzen, Schlaf der Kümmernis,
Fremd, nahe mit lieblichem Hauch uns,
Glückspender, komm‘ glückspendender Gott!
Auf, breite die wimperdämmernde Nacht
Über das Auge rings.
Komm‘ heilender , Gott, Komm schnell.
Sophokles


Zur Nacht
Gute Nacht!
Allen Müden sei’s gebracht!
Neigt der Tag sich schnell zum Ende,
Ruhen alle fleiß’gen Hände,
Bis der Morgen neu erwacht.
Gute Nacht!

Geht zur Ruh!
Schließt die müden Augen zu!
Stiller wird es auf den Straßen,
Und den Wächter hört man blasen,
Und die Nacht ruft allen zu:
Geht zur Ruh!

Schlummert süß!
Träumt euch euer Paradies!
Wem die Liebe raubt den Frieden,
Sei ein schöner Traum beschieden,
Als ob Liebchen ihn begrüß’!
Schlummert süß!

Gute Nacht!
Schlummert, bis der Tag erwacht!
Schlummert, bis der neue Morgen
Kommt mit seinen neuen Sorgen!
Ohne Furcht! Der Vater wacht.
Gute Nacht
Theodor Körner


Angekommen?
Ich kehr in einen Traum zurück
nach dem ich lang gepennt
er ist wie ein Theaterstück
das man hier „Leben“ nennt
Lebens – Traum
ich find Dich schön
ich träum Dich mehr und mehr
doch irgendwann da muss ich gehn
es fällt mir wirklich schwer
nur eines sag ich hier zum Schluss
es schlägt bald meine Stund
auch wenn ich wieder gehen muss
so penn ich mich gesund…..
Kurt Hermann Wilhelm Hübner


Gute Nacht
Weiche Nebelschleier hüllen
Ein, was auf der Erde wohnt.
Hoch am Himmel geht die stillen
Bahnen hin der goldne Mond.
In der Ferne
Tauchen Sterne
Auf und halten treue Wacht.
Gute Nacht!

Leise Schlummerlieder singet
Noch das Meer im Abendwind.
Und ins warme Bettchen bringet
Jede Mutter nun ihr Kind;
Wohl geborgen,
Frei von Sorgen,
Schlummert’s ein, sein Engel wacht,
Gute Nacht!

Süßer Friede! Wollest walten
Und beherrschen jedes Herz.
Und in freundlichen Gestalten
Schwebet, Träume, erdenwärts,
Bis die Sonne
Voller Wonne
Uns am Morgen wieder lacht.
Gute Nacht!

Alle, die mit bangem Zagen
Stund‘ um Stunde hingezählt,
Die des Tages Last getragen,
Die mit Schmerzen sich gequält,
All‘ ihr Müden
Nutzt in Frieden,
Einer ist, der für euch wacht.
Gute Nacht!

Daß ein sanfter Schlummer stärke
Alle, die zur Ruhe gehn,
Um zu neuem Tagewerke
Neu gekräftigt aufzustehn.
Mut zum Leben,
Kraft zum Streben
Werde Jedem dargebracht.
Gute Nacht!
Stine Andresen


Was liegst du lieber, Schlaf,
in rauchigen Hütten,
auf unbequemer Streue hingestreckt,
von summenden Nachtfliegen eingewiegt,
als in den großen duftenden Palästen,
unter den Baldachinen reicher Pracht
und eingelullt von süßen Melodien?
William Shakespeare


SchlaF-wach
Zum Schlag der Nachtuhr schwingt mein Blut das Pendel.
Ich liege ausgereckt.
Und warte atmend. Stunden rauschen auf.
Und jede Stunde hält ein kreisendes Licht.
Ein tiefbedeckter Gang zeigt in die Ferne,
vom Stundenlicht bedämmert.

Mein Auge starrt beglänzt.

Nachthelle Stunden!
Ihr könntet schaukelnde Schmetterlinge sein,
maibunt bemustert und Pfauenaug-gefiedert.

Ihr könntet summen, getragen auf Akkorden,
Dom-hallend, weit durch Türen, Läden und Stille,
herschwingende, versponnene Musik.

Die Nacht ist bunt und glücklich.
Vor meinen Augen baut sie ein taumelndes Kugelspiel aus Glaskugeln.

Mit weichen Glöckchen macht sie ein Ohrengeklingel.

Dann zupft sie hoch von wasserrauschenden Bäumen
– das wogt und fächert –
viel erdbeergroße rote Beeren herab.
Sie spielt damit umher und schnellt sie und fängt sie
und singt verweht einen Kinderreim.
Und nimmt sie zusammen und reiht sie und schwingt sie
im Kreis bunt rund
und wirft sie um meinen Mund.

Rotglühend brennt ein lutschend-süßer Kuß!
Die Nacht ist bunt und zeitlos glücklich.
Ernst Wilhelm Lotz


Süßer Schlaf!
Du kommst wie ein reines Glück ungebeten, unerfleht am willigsten.
Du lösest die Knoten der strengen Gedanken,
vermischest alle Bilder der Freude und des Schmerzes,
ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien,
und eingehüllt in gefälligen Wahnsinn versinken wir und hören auf zu sein.
Johann Wolfgang von Goethe


In der Frühe
Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin
Und schaffet Nachtgespenster.
– Ängste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu dich! schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.
Eduard Mörike


Schlaflied
Es mahnt der Wald, es ruft der Strom:
„Du liebes Bübchen, zu uns komm!“
Der Knabe kommt, und staunt, und weilt,
Und ist von jedem Schmerz geheilt.

Aus Büschen flötet Wachtelschlag,
Mit irren Farben spielt der Tag;
Auf Blümchen rot, auf Blümchen blau
Erglänzt des Himmels feuchter Tau.

Ins frische Gras legt er sich hin,
Läßt über sich die Wolken ziehn,
An seine Mutter angeschmiegt,
Hat ihn der Traumgott eingewiegt.
Johann Baptist Mayrhofer


Vor dem Einschlafen
Und wieder zwingt der Schlaf mich in die Kissen —
Wie mir vor euch, traumtolle Nächte, graut!
Die Dämme, die der Tag den Kümmernissen
Mit mehr als Menschenkraft entgegenbaut,

Habt ihr noch stets mit einem Hauch zerrissen,
Daß all die Ängste, bergehoch gestaut,
Mich überbrandeten in tollen Güssen – –
Nicht träumen müssen, Gott! nicht träumen müssen!
Walter Flex


Schlaflied
Einmal wenn ich dich verlier,
wirst du schlafen können, ohne
daß ich wie eine Lindenkrone
mich verflüstre über dir?

Ohne daß ich hier wache und
Worte, beinah wie Augenlider,
auf deine Brüste, auf deine Glieder
niederlege, auf deinen Mund.

Ohne daß ich dich verschließ
und dich allein mit Deinem lasse
wie einen Garten mit einer Masse
von Melissen und Stern-Anis.
Rainer Maria Rilke


Gute Nacht
Allem schöne gute Nacht,
was da schläft und was noch wacht:
Kindern goldne Weihnachtsbäume,
Knaben Kampf- und Minneträume,
Jungfraun reiner Unschuld Walten,
Dichtern glänzende Gestalten,
Müttern aus prophet´schen Bronnen
ihrer Kinder Künf´ge Wonnen,
Männer hoher Taten Mahnung,
Greisen nahen Friedens Ahnung;
allem schöne gute Nacht,
was da schläft und was noch wacht.
Friedrich de la Motte Fouqué


Mir ist zu licht zum Schlafen
Mir ist zu licht zum Schlafen,
Der Tag bricht in die Nacht,
Die Seele ruht im Hafen,
Ich bin so froh verwacht!
Ich hauchte meine Seele
Im ersten Kusse aus,
Was ist’s, dass ich mich quäle,
Ob sie auch fand ein Haus!
Sie hat es wohl gefunden,
Auf ihren Lippen schön,
O welche sel’ge Stunden,
Wie ist mir so geschehn!
Was soll ich nun noch sehen,
Ach alles ist in ihr,
Was fühlen, was erflehen,
Es ward ja alles mir!
Ich habe was zu sinnen,
Ich hab‘, was mich beglückt;
In allen meinen Sinnen
Bin ich von ihr entzückt.
Achim von Arnim


Die schlafenden Tage
Kennst du die schlafenden Tage?
Da kommt die leuchtende Sonne nicht,
Verloren hat sie ihr Flammenlicht;
Ein träger Schimmer fließt herab;
Die Welt ist umschattet wie ein Grab.
Über die Dächer, der Türme Bau
Schleicht ein ewiges Wolkengrau.
Du bist allein – und die Welt des Lichts
Ist versunken ins schweigende Nichts. –

Wohl kenn‘ ich die schlafenden Tage!

Da ruht das Herz, und mit leisem Schlag
Folgt es dem still verrinnenden Tag;
Nur in den Adern rollt das Blut,
Verborgen rinnt die Lebensflut.
Die Stille, die das All durchfließt,
Allmächtig sich ins Herz ergießt –
Kein Glück, kein Schmerz durchglüht die Brust,
Vergessen ist alles: Leid und Lust –

Ich liebe die schlafenden Tage.

Die schlummeratmende Seele schafft
Für den kommenden Kampf die siegende Kraft,
Die Kraft, die das blühende Glück erträgt
Und die kein Unglück zu Boden schlägt.
Hoch von den ziehenden Wolken auch
Weht hernieder ein Geisterhauch:
»Not ist Freude, Freude Not,
Tod ist Leben und Leben ist Tod.«

Kennst du die schlafenden Tage?
Otto Ernst


Schlafe, ach schlafe
Und dürft‘ ich dich wecken zum Sonnenlicht
Aus Schatten des Todes, ich thät es nicht,
Ich sänke nieder an deinem Grab
Und leise raunt ich ein Lied hinab:
Schlafe, ach schlafe!

O laß in dein traumtiefes Kämmerlein
Kein Fünkchen des schimmernden Licht’s hinein,
Denn was die Sonne dir auch verspricht,
So hell, so strahlend – sie hält es nicht.
Schlafe, ach, schlafe.
Anna Ritter


Blumengesicht,
Du Kind, Du kleines,
Taugt Regen nicht.
Du liegst so warm
In meinem Arm, –
Hör‘ wie der Wind
Die Zweiglein bricht! –
Schlaf ein geschwind
Und weine nicht! ….
Ada Christen


Klage
Schlaf und Tod, die düstern Adler
Umrauschen nachtlang dieses Haupt:
Des Menschen goldnes Bildnis
Verschlänge die eisige Woge
Der Ewigkeit. An schaurigen Riffen
Zerschellt der purpurne Leib
Und es klagt die dunkle Stimme
Über dem Meer.
Schwester stürmischer Schwermut
Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt
Unter Sternen,
Dem schweigenden Antlitz der Nacht.
Georg Trakl


Wiegenlied
Vor der Türe schläft der Baum,
Durch den Garten zieht ein Traum.
Langsam schwimmt der Mondeskahn,
Und im Schlafe kräht der Hahn.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Schlaf, mein Wulff. In später Stund
Küß ich deinen roten Mund.
Streck dein kleines, dickes Bein,
Steht noch nicht auf Weg und Stein.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Schlaf, mein Wulff. Es kommt die Zeit,
Regen rinnt, es stürmt und schneit.
Lebst in atemloser Hast,
Hättest gerne Schlaf und Rast.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Vor der Türe schläft der Baum,
Durch den Garten zieht ein Traum.
Langsam schwimmt der Mondeskahn,
Und im Schlafe kräht der Hahn.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.
Detlev von Liliencron


Wie schlafend unterm Flügel ein Pfau den Schnabel hält,
Von luft’gen Vogelträumen die blaue Brust geschwellt,
Geduckt auf einem Fuße, dann plötzlich oft einmal
Im Traume phantasierend das Funkelrad erstellt:

So hing betäubt und trunken, ausreckend Berg und Tal,
Der große Wundervogel in tiefem Schlaf, die Welt;
So schwoll der blaue Himmel von Träumen ohne Zahl,
Mit leisem Knistern schlug er ein Rad, das Sternenzelt.
Gottfried Keller


Zum Einschlafen zu sagen
Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.
Rainer Maria Rilke


Der vorgeschlafene Heilschlaf
Palmström schläft vor zwölf Experten
den berühmten ›Schlaf vor Mitternacht‹,
seine Heilkraft zu erhärten.

Als er, da es zwölf, erwacht,
sind die zwölf Experten sämtlich müde.
Er allein ist frisch wie eine junge Rüde!
Christian Morgenstern


Auf ein schlummerndes Kind
Wenn ich, o Kindlein, vor dir stehe,
Wenn ich im Traum dich lächeln sehe,
Wenn du erglühst so wunderbar,
Da ahne ich mit süßem Grauen:
Dürft‘ ich in deine Träume schauen,
So wär‘ mir alles, alles klar.

Dir ist die Erde noch verschlossen,
Du hast noch keine Lust genossen,
Noch ist kein Glück, was du empfindest.
Wie könntest du so süß denn träumen,
Wenn du nicht noch in jenen Räumen,
Woher du kamest, dich ergingst ?

Drum wenn, o Kind, ich vor dir stehe,
Wenn ich im Traum dich lächeln sehe,
Wenn du erglühst so wunderbar,
Da ahne ich mit süßem Grauen:
Dürft‘ ich in deine Träume schauen,
So wär‘ mir alles, alles klar.
Christian Friedrich Hebbel


Der Schlaf
Man hat schon oft gesagt,
Du seiest des Todes Bild,
O Knabe, still und mild,
Süßer Schlaf!
Ich aber versteh‘ es:
Weil die wilden Gedanken,
Die umgetriebenen, todeskranken,
Nicht mehr sind.
Morden kann ich sie nicht,
Aber sie nicken und schlummern ein
In deinem Dämmerschein
Ganz sachte.
Bringst du denn nicht auch bald,
Wenn ich ruf‘ und stehe zu dir,
Deinen bleichen Bruder mir
An der Hand?
Bringst du ihn immer nicht?
Er hat, was das Herz vermißt,
Hat, was das Beste ist,
Kein Erwachen.
Friedrich Theodor von Vischer


An den Schlaf
Schlaf! süßer Schlaf! obwohl dem Tod wie du nichts gleicht,
Auf diesem Lager doch willkommen heiß ich dich!
Denn ohne Leben so, wie lieblich lebt es sich!
So weit vom Sterben, ach, wie stirbt es sich so leicht!
Eduard Mörike


Müde
O leise, leise, leise! Ich erliege!
Geliebte, hemm dein fiebrisches Entzücken.
Sacht! mag uns auch die höchste Lust beglücken,
als ob sich eine Schwester an mich schmiege.

Sei ruhig, regle deine Atemzüge
und blick mich an mit deinen stillsten Blicken.
Denn schöner als das tiefste Glutverstricken
ist so ein langer Kuss, ob er auch lüge.

Du sagst zwar, Kind, in deinem Goldherz drin
singe die Liebe ihre wilden Lieder.
Ach, lass sie singen, diese Bettlerin!

Leg Stirn an Stirn und deine Hand in meine
und schwör mir Eide (brich sie morgen wieder),
und lass uns weinen, meine liebe Kleine.
Paul Verlaine


Ein leiser Tod, versöhnend und belehrend,
Bist du mit jedem Abend wiederkehrend,
O süßer Schlummer, unser höchstes Gut,
Ja, bis auf immer wir die Augen schließen,
Kommst du, geliebter Schlaf, als eine Mahnung
In Freud und Leid – als eine Todesahnung,
Bis Sein und Nichtsein ineinander fließen.
Ludwig Ferdinand Schmid


Schlafe, mein Liebchen, ich decke dich zu,
Englein nah’n dir im Traum.
Längst schon gingen Vöglein zur Ruh‘,
bargen ihr Köpfchen im Flaum.
Schlafe, mein Liebchen, ich decke dir zu,
Englein nah’n dir im Traum.
Schlafe die müden Äuglein dir klar,
bis die Sonne dich weckt;
hält die Liebe vor Leid und Gefahr
dich wie mit Flügeln bedeckt.
Schlafe die müden Äuglein dir klar,
bis die Sonne dich weckt.
Julius Karl Reinhold Sturm


O Schlaf! warum mit vollen Händen
Nahst du dich holder Jugend nur?
Du folgst mit goldenem Verschwenden
Des eigenwill’gen Glückes Spur.
Wem du geneigt, verkennt den Segen,
Wer dich ersehnt, gewinnt dich nicht,
Nur der Verlust ist das Gewicht,
Des Lebens Schätze recht zu wägen.
Otto Roquette


Der Schlaf
Ist es, der den verworr’nen Knäul der Sorgen
Entwirrt, der jedes Tages Schmerz und Lust
Begräbt und wieder weckt zum neuen Morgen,
Das frische Bad der wundervollen Brust,
Das linde Öl für jede Herzensqual,
Die beste Speise an des Lebens Mal.
Johann Christoph Friedrich von Schiller


Leiseleicht
Der Schlaf ist heilig. Wecke drum kein Herz,
das sich im Schlafe heilt, noch eins, das träumt.
Du weckst damit nur neu den alten Schmerz.
Und gar die Seele, die im Traumland säumt,

an jener Grenze, wo das Auge schaut
die andre Welt – zu wecken, ist nicht gut.
Du weißt ja nicht, welch Wunder ihr aufblaut
im selben Augenblick … Drum wer da ruht,

gönn ihm die kurze, heilende Ruh!
Der Schlaf ist heilig. Gnade ist der Traum.
Deck alle Schlafenden noch tiefer zu,
und jeder Tritt sei leiseleicht wie Flaum!
Karl Ernst Knodt


Es sandte mir das Schicksal tiefen Schlaf.
Ich bin nicht tot, ich tauschte nur die Räume.
Ich leb in euch, ich geh in eure Träume,
da uns, die wir vereint, Verwandlung traf.

Ihr glaubt mich tot, doch dass die Welt ich tröste,
leb ich mit tausend Seelen dort, an diesem wunderbaren Ort,
im Herzen der Lieben. Nein, ich ging nicht fort,
Unsterblichkeit vom Tode mich erlöste.
Michelangelo


Müdigkeit
Ich hab‘ geruht an allen Quellen,
Ich fuhr dahin auf allen Wellen,
Und keine Straße ist, kein Pfad,
Den irrend nicht mein Fuß betrat.

Ich hab‘ verjubelt manche Tage,
Und manche hin gebracht in Klage,
Bei Büchern manche lange Nacht,
Und andere beim Wein durchwacht.

Viel mißt‘ ich, viel hab‘ ich errungen,
Auch Lieder hab‘ ich viel gesungen,
Und ausgeschöpft hat dieses Herz
Des Lebens Lust, des Lebens Schmerz.

Nun ist der Becher leer getrunken,
Das Haupt mir auf die Brust gesunken,
Nun legt‘ ich gern mich hin und schlief‘,
Unweckbar, traumlos, still und tief!

Mir ist, mir ist, als hört ich locken
Von fernher schon die Abendglocken,
Und süße, weiche Traurigkeit
Umweht mich: Komm, ’s ist Schlafenszeit.
Adalbert Stifter


Schlafe! Die Erde wird milder.
Warte, der Traum tritt schon ein.
Blühen werden die Bilder
Des Traumes in sanfterem Schein.

Wissen wir je von Gefährten,
Sind sie nicht Trugbild zuletzt?
Sind wir erfüllt vom Begehrten,
Das uns so müde gehetzt?

Wähntest du Dasein, das eben
Dich noch verwirrend bedrängt?
Traum wird das wahre dir weben.
Schleier des Schlafes sich senkt.

Glanz der Gefühle wird steigen,
Die uns im Leben erstarrt:
Ferne und freundlicher Reigen,
Heimat und heldische Fahrt.

Die wir im Leben nicht finden,
Stehen uns nah und geneigt.
Schlage! Du wirst überwinden,
Da Traum dir das Letzte gezeigt.
Fred von Zollikofer


Schlummerlied
Zur Ruhe, mein Herz, zur Ruh‘,
Schließ deine Augen zu,
Sind schon so müd‘ und rot und heiß
Von Thränen, die doch niemand weiß
Als ich, mein Herz, und du –
Schließ deine Augen zu.

Schlafe, mein Herz, schlaf ein –
Siehst du den silbernen Schein,
Siehst du den großen, den stillen Stern?
Er hat die müden Herzen so gern,
Schlafe, mein Herz, schlaf ein
In seinem silbernen Schein.

Stille, mein Herz, sei still,
Hör, was ich singen will –
Ich weiß einen Schatz so wunderschön,
Den wollen wir beide suchen gehn –
Stille, mein Herz, sei still,
Hör, was ich singen will.

Sei nun ganz lieb und brav,
Scheuche nicht unsern Schlaf,
Wird dann zu anderen Herzen gehn,
Läßt uns in unserem Kummer stehn –
Darum sei lieb und brav,
Scheuche nicht unsern Schlaf.
Thekla Lingen


Ziehst du, süßestes Gefühl
Der Müdigkeit in mein verwundetes Herz,
legst tröstlich deine mildernde Hand
auf mein Leid, auf mein innres Gewühl,
nimmst mich aus meinem Schmerz
in dein fernes heiliges Land.
Deine Hand küß ich in Ergriffenheit,
ich bin so wund, ich will schlafen,
meine Trauer nimmst du im Schlafen, liebe Müdigkeit.
Schon neigen sich ferne Gesichte
ernst geschlossenen Augen,
Die Nacht kommt in ihrem Lichte.
Eugen von Kahler


Siebenschläfer
Ihr Siebenschläfer in den Höhlen,
Reckt euch, streckt euch, aufgewacht!
Der Frühling leuchtet in den Himmel
Nach dieser ersten warmen Nacht!

Ja, schüttelt nur die dicken Zotteln
Und blinzelt in das blaue Licht;
Herr Gott, wer wird so langsam trotteln,
Ich lauf voraus, ich warte nicht.

Die Amsel übt schon ihre Lieder,
Ich sing sie mit, ich kann sie auch;
Und denkt euch nur, der blaue Flieder
Hat Knospen, und der Haselstrauch.

Der Teckel bellt vor lauter Wonne
Und wühlt die frische Erde um;
Na?! seid ihr noch nicht in der Sonne,
Ihr Siebenschläfer, faul und dumm?!
Paula Dehmel


Jugendglaube! bist die Leiter,
Die im Traume Jakob sah;
Von der Erde in den Himmel
Deutend, leitend, steht sie da;
Engel steigen auf und nieder,
Oben jetzt, jetzt wieder da:
Schade nur, dass jene Leiter
Jakob bloß im Traume sah!
Ernst Freiherr von Feuchtersleben


Morgengesang
Ich erwache! Auf ihr Glieder!
Von der faulen Ruhe auf!
Dann die Sonne gehet wieder
Ihren alten Heldenlauf.
Traum und Schlummer eilt davon!
Dann die Vögel singen schon.
Christian Friedrich Daniel Schubart


Stoßseufzer einer Dame, in bewegter Nacht
Der Teufel hol den schwarzen Kaffee,
wieviel Uhr mags denn sein?
Ich kann ja nicht, kann ja nicht schlafen!
Und neben mir der alte Affe
schläft immer gleich ein,
und ich kann nicht, ich kann nicht schlafen!
Ich bin ja noch munter und plage mich
und guck an mir runter und frage mich:
Sind das meine Beine – oder sind das seine Beine –
oder sind das unsre Beine – oder wie?
Mensch, schlaf nicht – schlaf bloß nicht – in Kompagnie!

Da liegen viele Zeitungsnummern und ein Buch übern Tanz…
was nützt es denn, wenn ich noch lese?
Kann einer nämlich nicht entschlummern,
und der andre, der kanns – :
dann wird man, dann wird man so beese…
Seh ich ihn so schlafen, dann will ich das auch.
Und er stößt mir die Beine in meinen Bauch…
Sind das meine Beine – oder sind das seine Beine –
oder sind das unsre Beine – oder wie…?
Mensch, schlaf bloß nicht – schlaf bloß nicht – in Kompagnie!

Das ist die Hölle wie von Dante –
der Mann ist so roh!
Die Decke, die ist immer seine….
Ich kipple ängstlich auf der Kante –
mal so und mal so –
man denkt, man hat siebenhundert Beine.
Seh ich mir so an, welcher Haarwuchs ihn ziert:
es wär Zeit’ daß er sich mal die Beine rasiert…
Sind das meine Beine – oder sind das seine Beine –
oder sind das unsre Beine – oder wie…?
Mensch, schlaf bloß nicht – schlaf bloß nicht – in Kompagnie!
Als kleine Mädchen, bunt bebändert –
hatten wir einen Wunsch:
Für die Nacht einen leiblichen Grafen!
Inzwischen hat sich das geändert –
ich zieh einen Flunsch –
ich kann ja zu zwein doch nicht schlafen!
Ich wünsch mir nur eines,
aber das wünsch ich sehr:
ich möcht mal allein sein –
dann fragt ich nicht mehr:
Wem gehört denn – wem gehört denn –
wem gehört denn das Bein!
Lieben: ja.
Aber schlafen? Allein … !
Erich Kästner


Schlaflied für die Sehnsucht
O lege, Geliebter,
den Kopf in die Hände
und höre, ich sing‘ dir ein Lied.
Ich sing‘ dir von Weh und von Tod und vom Ende,
ich sing‘ dir vom Glücke, das schied.
Komm, schließe die Augen,
ich will dich dann wiegen,
wir träumen dann beide vom Glück.
Wir träumen dann beide die goldensten Lügen,
wir träumen uns weit, weit zurück.
Und sieh nur, Geliebter,
im Traume da kehren
wieder die Tage voll Licht.
Vergessen die Stunden, die wehen und leeren
von Trauer und Leid und Verzicht.
Doch dann – das Erwachen,
Geliebter, ist Grauen –
ach, alles ist leerer als je –
Oh, könnten die Träume mein Glück wieder bauen,
verjagen mein wild-heißes Weh!
Selma Meerbaum-Eisinger


Müde auf den Rasen hingestreckt
hast du mich aus tiefstem Schlaf geweckt.

Meine Wurzeln fühl ich, meine Wipfel beben,
adernauf und -ab ein neues Wirken leben.

Deinem Schlummer will ich rauschend nützen,
mit verschränktem Astwerk dich beschützen.

Wenn du aufwachst, darf ich mich getrauen,
dich aus tausend Blättern anzuschauen.
Franz Janowitz


Wohl gibt es Gespenster.
Sie schleichen sich sacht
Durch Türen und Fenster
In finsterer Nacht.
Sie kommen und gehen,
Bevor wir erwacht,
Und haben uns herrliche Träume gebracht.
Frank Wedekind


Vor dem Schlummer
Träufle mir, süßer Schlummer, in des Lebens
Blüte himmlisches Taues helle Tropfen!
Wehet, Lüfte tagender Ahndung, wehet
Freundlich und leise,
Bis mir, im Strahlenglanz, der Zukunft Sonne
Meine wogenden Seelenfluten röte,
Und die leichten, fliegenden Traumgewölke
Male mit Purpur!
Friedrich Leopold Graf zu Stolberg


Die Feder
Ein Federchen flog über Land;
Ein Nilpferd schlummerte im Sand.

Die Feder sprach: ‚Ich will es wecken.‘
Sie liebte, andere zu wecken.

Aufs Nilpferd setzte sich die Feder
Und streichelte sein dickes Leder.

Das Nilpferd öffnete den Rachen
Und mußte ungeheuer lachen.
Joachim Ringelnatz


’s ist Mitternacht!
’s ist Mitternacht!
Der eine schläft, der andre wacht.
Er schaut beim blauen Mondenlicht
Dem Schläfer still ins Angesicht;
Drin tut ein böser Traum sich kund,
Wie seltsam zuckt er mit dem Mund!
’s ist Mitternacht!
Der eine schläft, der andre wacht.

’s ist Mitternacht!
Der eine schläft, der andre wacht.
»So sah der Freund noch nimmer aus,
Er greift zum Dolch, es macht mir Graus,
Er stöhnt, er lacht – du triffst ja mich!
Erwache doch, ich rüttle dich!«
’s ist Mitternacht!
Der andre ist nur halb erwacht.

’s ist Mitternacht!
Der andre ist nur halb erwacht!
Er stiert, er ruft: so lebst du noch,
Verruchter, und ich traf dich doch?
So nimm noch den! Hei! der war gut!
Warm spritzt mir ins Gesicht dein Blut!
’s ist Mitternacht!
Nun schlafen beide, keiner wacht.

’s ist Mitternacht!
Sie schlafen beide, keiner wacht!
Du wüste Eul‘ im Eibenbaum,
Du krächztest ihn in diesen Traum,
Nun fängt die häm’sche Dohle an,
Ob sie ihn nicht erwecken kann.
’s ist Mitternacht!
Gott gebe, daß er nie erwacht!
Friedrich Hebbel


Vom schlafenden Apfel
Im Baum, im grünen Bettchen,
Hoch oben sich ein Apfel wiegt,
Der hat so rote Bäckchen,
Man sieht, daß er im Schlafe liegt.
Ein Kind steht unterm Baume,
Das schaut und schaut und ruft hinauf:
„Ach, Apfel, komm herunter!
Hör endlich doch mit Schlafen auf!“

Es hat ihn so gebeten,-
Glaubt ihr, er wäre aufgewacht?
Er rührt sich nicht im Bette,
Sieht aus, als ob im Schlaf er lacht.

Da kommt die liebe Sonne
Am Himmel hoch daherspaziert.
„Ach Sonne, liebe Sonne,
Mach du, daß sich der Apfel rührt!“

Die Sonne spricht: „Warum nicht?“
Und wirft ihm Strahlen ins Gesicht,
Küßt ihn dazu so freundlich;
Der Apfel aber rührt sich nicht.

Nun schau! Da kommt ein Vogel
Und setzt sich auf den Baum hinauf.
„Ei, Vogel, du mußt singen,
Gewiß, gewiß, das weckt ihn auf!“

Der Vogel wetzt den Schnabel
Und singt ein Lied so wundernett.
Und singt aus voller Kehle;
Der Apfel rührt sich nicht im Bett.

Und wer kam nun gegangen?
Es war der Wind, den kenn ich schon,
Der küßt nicht und der singt nicht,
Der pfeift aus einem andern Ton.

Er stemmt in beide Seiten
Die Arme, bläst die Backen auf
Und bläst und bläst; und richtig,
Der Apfel wacht erschrocken auf.

Und springt vom Baum herunter
Grad in die Schürze von dem Kind;
Das hebt ihn auf und freut sich
Und ruft: „Ich danke schön, Herr Wind!“
Robert Reinick


Des Müden Abendlied
Verglommen ist das Abendrot,
Da tönt ein fernes Klingen;
Ich glaube fast, das ist der Tod,
Der will in Schlaf mich singen.
O singe nur zu,
Du Spielmann du!
Du sollst mir Frieden bringen.
Ein weiches Bette der Rasen gibt,
Es säuseln so kühl die Zypressen,
Und was ich gelebt, und was ich geliebt,
Ich will es alles vergessen.
Keinen Ruhm, kein Glück
Laß ich zurück,
Hab‘ nichts als Schmerzen besessen.
So fahr denn wohl, du arge Welt
Mit deinen bunten Schäumen!
Was dich ergötzt, was dir gefällt,
Wie gern will ich’s versäumen!
Schon wehet die Nacht
Mich an so sacht;
Nun laßt mich ruhn und träumen.
Emanuel Geibel


Einschlafen
Der Tag ist aus, und nun – wie himmlisch wohl wird’s tun,
Vergessend seine Müh’n in sanftem Schlaf zu ruhn.
– Es war ein harter Tag. Vorüber und vorbei!
Gott gebe, daß, der kommt, ein minder harter sei;
Wenn nicht – nun denn, nun denn! – zu leiden und zu streben,
Ob mit, ob ohne Lohn, das nennen wir ja leben.
Die oft ersehnte Stund‘, sie bleibt nicht aus am Ende,
Da man zu ew’ger Rast darf kreuzen seine Hände.
Erlösungbringer Tod! wer hat nicht dein gedacht,
Als er sich hingestreckt zum Schlaf in stiller Nacht?
Der Schlaf ist kurzer Tod, wir können Probe halten
Vom dunkeln Schicksalsstück, darin als Held zu walten
Jedwedem einst bestimmt. – Wär’s jedem auch beschieden,
Mit sich und mit der Welt dahinzugehn in Frieden.
In sel’gem Frieden … Ach, braucht‘ ich zu wünschen nur,
Die Menschen hätten ihn, ihn hätte die Natur,
Kein Wesen fühlte Qual, selbst nicht der kleinste Wurm,
Ich schafft‘ auch Ruh dem Meer, der Wolke und dem Sturm …
Ein sonderbares Wort hab‘ ich dereinst vernommen
Und konnt darüber nie zu voller Klarheit kommen.
– Nirwana war das Wort. Das heißt … o Müdigkeit! –
Nicht denken jetzt, nicht mehr – es ist ja Schlafenszeit,
Willkommen, holde Zeit; sei gnädig mir, entrücke
Mich allem Leid.
Ich wollt‘, ich fänd‘ einmal die Brücke,
Die aus dem wachen uns, dem vollbewußten Sein
Ins halbbewußte Reich des Traumes führt hinein.
Ein zarter Wunderbau, ein rätselhafter Steg,
Nur das geschloss’ne Aug‘ entdeckt zu ihm den Weg. – – –
Ei horch, wie’s summt und klingt: – die Spieluhr regt sich wieder
Und bringt ihr Liedchen vor vom muntren Seifensieder …
Der es so gerne hört, mein ferner Liebling, du,
Wann endlich kehrst du heim? wann jauchzt dein Gruß mir zu? …
Viel Zeit muß noch vergehn, und Sommer muß es sein,
Und linde Luft muß wehn durch unsern Fichtenhain …
Da steht er ja, er selbst – umhaucht von Harzesduft,
Die Wipfel ragen schlank und schimmernd in die Luft. –
Ich seh‘ die Wiesen rings im Frühlingsglanz sich breiten
Und durch das junge Grün ein junges Kindlein schreiten.
So komm! – wo bist du nun? … gar nirgends zu entdecken –
Beim ersten Wiedersehn spielt schon das Kind Verstecken – –
Mit ihm verschwand der Tag; schneeweiße Nebel wallen,
Die qualmend sich zerstreun, die sich zusammen ballen –
Und jetzt – o Seligkeit – o Himmelsblumen: Sterne!
Erhebt sichs wie Gesang so mild und rein –
Ich schlafe nicht, noch lange nicht – o nein – – –
Marie von Ebner-Eschenbach


Schlaf
Schwebe, sinke in die besternte
Tiefe der Nacht.
Neige dich gläubig
dem Geheimnis des Schlafes.
So leise naht er,
der ewig Junge, ewig Verhüllte.
Berührt die Lider der Wachenden
zärtlich mit Mohn.
Breitet Schleier der Vergessenheit
über Wünschen und Leid.
Nimmt dich ganz sanft
in seine unentrinnbaren Arme.
Entführt die Liebste dem Geliebten
in sein unenträtselt Reich.
Wo du vielleicht in ungeahnten
Welten wandelst.
Auf ferner Insel
einer Traumgeliebten lächelst.
Beim stillen Mahle
mit geliebten Toten weilst.
Oder aus langem, dumpfem Nichtsein,
beschenkt mit neuen Kräften,
in den Tag erwachst
Francisca Stoecklin


Willst du denn noch nicht schlafen?
Schlaf, Herz, das sich müde gewacht.
Schon harrt der Fährmann im Hafen
der schweigenden Nacht.

Sachte lenkt er den Kahn,
bis er am Ziele hält.
Und wie ein trunkender Schwan
entschwebst du der Welt.
Emil Arnold-Holm


Schlaf
Nun schläfst du hinter den großen Toren der Welt,
wandelnd in deinem ureigenen Paradies.
Auf silbernen Wiesen bleibst du bei Rehen stehn
in blauen Wüsten lagerst du zwischen den Löwen.Großäugiges  Einhorn tritt dich in Wäldern an.
Ruhvoll umrauscht dich Fittich verzauberten Schwans.
Neben den Sphinxen sitzest du gleichen Gewichts,
badest die Knöchel im Strom am Rande des Alls.

Süße Fessel des Atems allein noch hält
zart dich vom Tod zurück. – Wenn sie zerrisse,
kehrtest du niemals wieder. Wie halt ich dich?
dass du nicht nach jener Seite erwachest?

Ich kann die Rehe nicht töten auf deinen Wiesen,
die Sphinxe nicht stürzen ins Meer, den Schwan entzaubern.
Des Einhorns Auge kann ich nicht von dir wenden,
den Strom des Alls nicht bannen von deinen Knöcheln.
Rudolf Binding


„Wenn du in deinem Bett liegst und nicht schlafen kannst, bleib einfach liegen, genieße das Einatmen und das Ausatmen. Lächle dir zu, lächle dem Leben zu, lächle dem gegenwärtigen Moment zu.
Es ist ein wunderbarer Moment. Sorge dich nicht, selbst wenn du nicht genug Schlaf für den nächsten Tag findest. Die Tatsache, dass du einfach daliegst und den gegenwärtigen Moment genießt und dich an deinem Ein- und Ausatmen in einem warmen Bett erfreust, das ist schon eine ganze Menge.
Wenn Körper und Geist in einem solchen Zustand sind, wirst du auf ganz natürliche Weise einschlafen – viel leichter, als wenn du dich herumwälzt, nachdenkst und dir Sorgen machst.
„Anstatt dich zu sorgen, lächle dir zu, lächle dem Leben zu.“
Thích Nhất Hạnh


Leiseleicht
Der Schlaf ist heilig. Wecke drum kein Herz,
das sich im Schlafe heilt, noch eins, das träumt.
Du weckst damit nur neu den alten Schmerz.
Und gar die Seele, die im Traumland säumt,

an jener Grenze, wo das Auge schaut
die andre Welt – zu wecken, ist nicht gut.
Du weißt ja nicht, welch Wunder ihr aufblaut
im selben Augenblick … Drum wer da ruht,

gönn ihm die kurze, heilende Ruh!
Der Schlaf ist heilig. Gnade ist der Traum.
Deck alle Schlafenden noch tiefer zu,
und jeder Tritt sei leiseleicht wie Flaum!
Karl Ernst Knodt


Ziehst du, süßestes Gefühl
Der Müdigkeit in mein verwundetes Herz,
legst tröstlich deine mildernde Hand
auf mein Leid, auf mein innres Gewühl,
nimmst mich aus meinem Schmerz
in dein fernes heiliges Land.
Deine Hand küß ich in Ergriffenheit,
ich bin so wund, ich will schlafen,
meine Trauer nimmst du im Schlafen, liebe Müdigkeit.
Schon neigen sich ferne Gesichte
ernst geschlossenen Augen,
Die Nacht kommt in ihrem Lichte.
Eugen von Kahler


Rotkehlchen auf dem Zweige hupft,
wipp, wipp!
hat sich ein Beinchen abgezupft,
knipp, knipp!
läßt sich zum klaren Bach hernieder,
tunkt’s Schnäblein ein und hebt sich wieder,
stipp stipp, nipp nipp!
und schwingt sich wieder
in den Flieder.
Es singt und piepst ganz allerliebst,
zipp zipp, zipp zipp trill!
sich eine Abendmelodie,
steckts Köpfchen dann ins Federkleid
und schlummert bis zur Morgenzeit.
Wilhelm Busch


Der Schlaf
Ist es, der den verworr’nen Knäul der Sorgen
Entwirrt, der jedes Tages Schmerz und Lust
Begräbt und wieder weckt zum neuen Morgen,
Das frische Bad der wundervollen Brust,
Das linde Öl für jede Herzensqual,
Die beste Speise an des Lebens Mal.
Friedrich von Schiller


Müdigkeit
Ich hab‘ geruht an allen Quellen,
Ich fuhr dahin auf allen Wellen,
Und keine Straße ist, kein Pfad,
Den irrend nicht mein Fuß betrat.

Ich hab‘ verjubelt manche Tage,
Und manche hin gebracht in Klage,
Bei Büchern manche lange Nacht,
Und andere beim Wein durchwacht.

Viel mißt‘ ich, viel hab‘ ich errungen,
Auch Lieder hab‘ ich viel gesungen,
Und ausgeschöpft hat dieses Herz
Des Lebens Lust, des Lebens Schmerz.

Nun ist der Becher leer getrunken,
Das Haupt mir auf die Brust gesunken,
Nun legt‘ ich gern mich hin und schlief‘,
Unweckbar, traumlos, still und tief!

Mir ist, mir ist, als hört ich locken
Von fernher schon die Abendglocken,
Und süße, weiche Traurigkeit
Umweht mich: Komm, ’s ist Schlafenszeit.
Adalbert Stifter


Schlafe! Die Erde wird milder.
Warte, der Traum tritt schon ein.
Blühen werden die Bilder
Des Traumes in sanfterem Schein.

Wissen wir je von Gefährten,
Sind sie nicht Trugbild zuletzt?
Sind wir erfüllt vom Begehrten,
Das uns so müde gehetzt?

Wähntest du Dasein, das eben
Dich noch verwirrend bedrängt?
Traum wird das wahre dir weben.
Schleier des Schlafes sich senkt.

Glanz der Gefühle wird steigen,
Die uns im Leben erstarrt:
Ferne und freundlicher Reigen,
Heimat und heldische Fahrt.

Die wir im Leben nicht finden,
Stehen uns nah und geneigt.
Schlage! Du wirst überwinden,
Da Traum dir das Letzte gezeigt.
Fred von Zollikofer


Schlummerlied
Zur Ruhe, mein Herz, zur Ruh‘,
Schließ deine Augen zu,
Sind schon so müd‘ und rot und heiß
Von Thränen, die doch niemand weiß
Als ich, mein Herz, und du –
Schließ deine Augen zu.

Schlafe, mein Herz, schlaf ein –
Siehst du den silbernen Schein,
Siehst du den großen, den stillen Stern?
Er hat die müden Herzen so gern,
Schlafe, mein Herz, schlaf ein
In seinem silbernen Schein.

Stille, mein Herz, sei still,
Hör, was ich singen will –
Ich weiß einen Schatz so wunderschön,
Den wollen wir beide suchen gehn –
Stille, mein Herz, sei still,
Hör, was ich singen will.

Sei nun ganz lieb und brav,
Scheuche nicht unsern Schlaf,
Wird dann zu anderen Herzen gehn,
Läßt uns in unserem Kummer stehn –
Darum sei lieb und brav,
Scheuche nicht unsern Schlaf.
Thekla Lingen


Sterne mit den goldnen Füßchen
Wandeln droben bang und sacht,
Daß sie nicht die Erde wecken,
Die da schläft im Schooß der Nacht.
Horchend stehn die stummen Wälder,
Jedes Blatt ein grünes Ohr!
Und der Berg, wie träumend streckt er
Seinen Schattenarm hervor.
Doch was rief dort? In mein Herze
Dringt der Töne Wiederhall.
War es der Geliebten Stimme,
Oder nur die Nachtigall?
Heinrich Heine


In der Sommernacht
Ich träumt‘ von Dir – bin ich erwacht
Und schau‘ nun bange in die Nacht –
Der Mond scheint blaß, in der schwülen Luft
Schwimmt süßer, schwerer Blumenduft –
Durchs offne Fenster dringt er ein …
Hat mich geweckt der Mondenschein
Oder dies Düften, süß und schwer,
Als ob’s Dein Atem, Geliebte, wär?
Hast Du auch träumend mein gedacht
Und bist voll süßer Glut erwacht?
Schwimmt in den Lüften Dein wilder Kuß,
Deiner dürstenden Liebe Gruß?
Ich seh‘ Dich … Du lehnst auf dem weißen Pfühl,
Deine Stirne glüht, doch die Hand ist kühl –
Du fieberst – nach mir … blickst bebend zur Seit‘,
Als grüßte Dich dort aus der Dunkelheit,
Wie in schöneren Nächten, so heute auch
Mein leuchtend Aug‘ und mein Lispelhauch …
Du Wilde, Du Schöne, wie gern, wie gern
Wär‘ ich bei Dir und bin so fern!
Mich macht die Unrast krank und matt,
Mein Lager wird zur Marterstatt –
Das heiße Kissen drück‘ ich an mich,
Als wärest Du’s – als hätt‘ ich Dich! …
Vor Deinem Fenster mit süßem Schall
Singt weich und schmachtend die Nachtigall –
Dazwischen tönt über Wald und Kluft,
Wie der wilde Falk nach Beute ruft:
Lausch‘ diesen Beiden, lausch‘ ihnen gut –
So, Liebste, ist jetzt mir zu Mut …
Karl Emil Franzos


Halbes Träumen
Schon ist Mitternacht vorüber.
Draußen flötet Philomele;
Wünsche, Hoffnungen, Gedanken
Ziehen wirr durch meine Seele.
Wogend Herz, gib dich zur Ruhe,
Laß‘ die Sehnsucht endlich hafen!
Laß‘ den Steuermann, den Denker,
Laß‘ den müden Sänger schlafen!
Aber immer wilder wogt es,
Höher schlägt es seine Wellen;
Ach, am stumpfen, starren Felsen
Wird mein leichtes Schiff zerschellen
Rettung! Rettung! Weh, verloren!
Weh, der große Mast, er bricht!
Mit dem Schiffe geh‘ ich unter,
Hilfst du, Gott im Himmel, nicht!
Und umher greif‘ ich verzweifelnd,
Und ergreife das Register
Von den neuen Ordensrittern,
Unterzeichnet vom Minister.
Fort sind plötzlich die Gedanken;
Still und ruhig ist’s im Herzen,
Endlich, endlich kann ich schlafen!
Und so lösch‘ ich denn die Kerzen.
Adolf Glaßbrennner


Beim Einschlafen
Ein Mensch möchte‘ sich im Bette strecken,
doch hindern die zu kurzen Decken.
Es friert zuerst ihn an den Füßen,
Abhilfe muss die Schulter büßen.
Er rollt nach rechts und meint, nun ging’s,
Doch kommt die Kälte prompt von links.
Er rollt nach links herum, jedoch
Entsteht dadurch von rechts ein Loch.
Indem der Mensch nun dies bedenkt,
Hat Schlaf sich mild auf ihn gesenkt,
Und schlummernd ist es ihm geglückt:
Er hat sich warm zurechtgerückt.
Natur vollbringt oft wunderbar,
Was eigentlich nicht möglich war.
Eugen Roth


Galgenkindes Wiegenlied
Schlaf, Kindlein, schlaf,
am Himmel steht ein Schaf;
das Schaf, das ist aus Wasserdampf
und kämpft wie du den Lebenskampf.
Schlaf, Kindlein, schlaf.
Schlaf, Kindlein, schlaf,
die Sonne frißt das Schaf,
sie leckt es weg vom blauen Grund
mit langer Zunge wie ein Hund.
Schlaf, Kindlein, schlaf.
Schlaf, Kindlein, schlaf.
Nun ist es fort, das Schaf.
Es kommt der Mond und schilt sein Weib;
die läuft ihm weg, das Schaf im Leib.
Schlaf, Kindlein, schlaf.
Christian Morgenstern


Schlafen, schlafen, nichts als schlafen!
Kein Erwachen, keinen Traum!
Jener Wehen, die mich trafen,
Leisestes Erinnern kaum,
Dass ich, wenn des Lebens Fülle
Nieder klingt in meine Ruh!
Nur noch tiefer mich verhülle,
Fester zu die Augen tu!
Christian Friedrich Hebbel


Die Schlafende
In tiefe Junimitternacht
Der mystische Mond herniederwacht.
Einschläfernde Nebel dunsten leise
Heraus aus seinem goldnen Kreise
Und triefen sanft wie Schlummerlieder
Tropfen um Tropfen sachte nieder
Auf Höhen, schimmernd wie Opal,
Und in das allumfassende Tal.
Auf einem Grab nickt Rosmarin,
Träg lehnt die Lilie drüber hin.
Von leerem Nebel überdacht
Fault die Ruine hinein in Nacht.
Wie Lethe sieh den Weiher ruhn,
Scheint tiefen, tiefen Schlaf zu tun,
Nicht um die Welt erwachte er nun.
Alle Schönheit schläft! – und ach! wo liegt
(Ihr Fenster den Himmeln geöffnet) – wo liegt
Irene, vom Schicksal eingewiegt!
O Schönste! – ach! ich steh′ betroffen:
Das Fenster weit dem Nachtwind offen?
Die Lüfte fallen im Mondenschein
Vom Baum herab durchs Gitter ein –
Sie flüchten flüsternd wie Geisterschar
Durch dein Gemach und stoßen gar
Am Bett den bunten Baldachin
So schaurig her, so schaurig hin
Über des Auges geschlossene Glut,
Darunter die schlummernde Seele ruht,
Daß Schatten gleich Gespenstern weben
Und Wand und Boden irr beleben.
O liebe Dame, banget dir?
Warum und was nur träumst du hier?
Gewiß, du kamst von fernstem Meer,
Ein Wunder, in diesen Garten her!
Seltsam deine Blässe! Seltsam dein Kleid!
Die Locken länger als jederzeit!
Seltsam die düstere Feierlichkeit!
Sie schläft! Und wie sie dauernd ruht,
So ruhe sie auch tief! Und gut
Hab Himmel sie in heiliger Hut!
Heiliger sie jetzt und der Raum,
Schwermütiger sie als je ihr Traum.
O Gott! laß nie ihren Schlaf vergehn,
Ihr Auge nie sich öffnen und sehn,
Indes die Gespenster vorüberwehn!
Meine Liebe, sie schläft! Wie dauernd sie ruht,
So ruhe sie auch tief und gut;
Leis krieche um sie die Würmerbrut!
Mög fern im Forst, in Düster und Duft,
Für sie sich auftun eine Gruft –
Eine Gruft, die oft das schwarze Tor
Aufwarf vor bangem Trauerchor,
Triumphierend über den Wappenflor
Der Toten aus ihrem erhabenen Hause –
Eine Gruft, entlegen wie Einsiedlerklause,
Deren Tor ihr einst beim kindlichen Spiel
Für manchen Stein gedient als Ziel –
Ein Grab, aus dessen tönendem Tor
Sie nimmermehr zwingt ein Echo hervor,
Das dröhnend dem Kind in die Ohren rollte,
Als sei es der Tod, der da drinnen grollte.
Edgar Allan Poe


Schlaf’, müde Seele
Schlaf’, müde Seele,
daß nichts dich mehr quäle!
schlaf und vergiß
deines Tagewerks Last!
schlaf und vergiß,
wie viel du auch heute
an Lieb und Freude verloren hast,
wie viel es wieder dir
Rosen zerriß …
schlaf, müde Seele,
schlaf und vergiß!
Was dir zerrann
an Glauben und Glück,
in seligem Traum
träum es zurück! …
Ob die Welt dich auch verdamme,
deiner Sehnsucht heilige Flamme
zwingt die Nacht, durch die du wanderst,
zwingt die Furcht, die dich umdroht,
lodert auf zu frühlingslichtem
ostergoldenem Morgenrot!
Cäsar Otto Hugo Flaischlen


Schlaf-Mohn
Abseits im Garten blüht der böse Schlaf,
in welchem die, die heimlich eingedrungen,
die Liebe fanden junger Spiegelungen,
die willig waren, offen und konkav,
und Träume, die mit aufgeregten Masken
auftraten, riesiger durch die Kothurne -:
das alles stockt in diesen oben flasken
weichlichen Stengeln, die die Samenurne
(nachdem sie lang, die Knospe abwärts tragend,
zu welken meinten) festverschlossen heben:
gefranste Kelche auseinanderschlagend,
die fieberhaft das Mohngefäß umgeben.
Rainer Maria Rilke


An den Schlaf
Somne levis! quanquam certissima mortis imago,
Consortem cupio te tamen esse tori.
Alma quies, optata, veni! nam sic sine vita
Vivere, quam suave est, sic sine morte mori! Meibom
Schlaf! süßer Schlaf! obwohl dem Tod wie du nichts gleicht,
Auf diesem Lager doch willkommen heiß ich dich!
Denn ohne Leben so, wie lieblich lebt es sich!
So weit vom Sterben, ach, wie stirbt es sich so leicht!
Eduard Mörike


Der Schlaf
Der Schlaf schickt seine Scharen in die Nacht,
Unholde, Legionen auf Legion…
Vom Rücken schleichen sie ihr Opfer an,
auf leisen Tatzen, und umarmen es,
wie Bären, unentrinnbar und geräuschlos, –
bis alle Muskeln ihm erschlafft, und stumm
von ihrer Brust der Leib zu Boden rollt…
Und wenn so alles hingebettet liegt,
so traben sie zu ihrem Herrn zurück,
und ihr Gebrumm erfüllt wie dumpfer Donner
die düstren Waldgebirge seines Reichs.
Christian Morgenstern


An den Schlaf
Gott der Träume! Freund der Nacht!
Stifter sanfter Freuden!
Der den Schäfer glücklich macht,
Wann ihn Fürsten neiden!
Holder Morpheus! säume nicht,
Wann die Ruhe mir gebricht,
Aug‘ und Herz zu weiden.
Wann ein Eh’mann, voll Verdacht,
Seine Gattin quälet,
Und aus Eifersucht bei Nacht
Ihre Seufzer zählet,
Mach‘ im Schlaf sein Unglück wahr;
Zeig‘ ihm träumend die Gefahr,
Die ihm wachend fehlet!
Nimm auch jetzt was dir gehört;
Nur erlaub‘ ein Flehen:
Warte bis mein Glas geleert!
Wohl! es ist geschehen!
Komm nunmehr! O komme bald!
Eil‘ und laß mich die Gestalt
Meiner Phyllis sehen!
Friedrich von Hagedorn


Schlaf ein, schlaf ein
Schlaf‘ ein, schlaf‘ ein,
Mein Engelein!
Verkläret so schön wie der Himmelssaal
Ist dir noch geblieben das Erdenthal;
Noch ahntest du nicht, daß es anders mag sein:
Schlaf‘ ein, schlaf‘ ein,
Schlaf selig ein,
Mein kleines, herziges Engelein!

Schlaf‘ ein, schlaf‘ ein,
Mein Engelein!
Wie wirst du dich wundern! der Himmelssaal
Ist schöner doch noch, als das Erdenthal!
Ach, nimmer wohl möchtest hieunten du sein:
Schlaf‘ ein, schlaf‘ ein,
Schlaf selig ein,
Mein kleines, herziges Engelein!
Friedrich Heinrich Oser


Der Schlaf, unser Schlaf ist ausgestorben…
Der Schlaf, unser Schlaf ist ausgestorben,
Das Auge Gottes thront, rote Seidenschleier sein Lid.
Die Nachstellungen der Mandarinen schrecken uns nicht mehr.
Esel und Öchslein wohnen zu unseren Füßen im Bett
Und reden bequem wie zu Weihnachten in Bethlehem.
Der Graf von Agaz reitet auf einem Leilaken: o Greco!
Der Flügel eines Engels hängt rosenrot aus einer Wolke.
Mit grünem Gockelschopf trittst du auf in den Kabaretten.
Deine Kinderstirne, ist zahm vor mir.
Du bist ein Tüchlein aus Purpur.
Eine Gloriole von jungen Löwen ist um deinen Kopf.
Deine Lippen sind Schaufelräder des Lebens.
Die Gespenster der Messe rouge essen aus deiner Hand.
Bubu von Montparnasse und Jesus von Nazareth
Staunen ob deiner Inbrunst Fahnenversammlung.
Hugo Ball


Morgen und Abend
O Morgenzeit, du frische Zeit!
Des Lebens reichste Quelle!
Du machst die enge Brust mir weit,
Das trübe Aug‘ mir helle!
Mir ist, als dürft‘ ich auferstehen
Aus einem dumpfen Grabe,
Wenn ich das erste Licht gesehen,
Den Hauch getrunken habe.
Friedrich Hebbel


Laßt mich ruhen, laßt mich träumen,
Wo die Abendwinde linde
Säuseln in den Blütenbäumen,
Wo der Nachtigallen
Lieder wieder
In der Zweige Dämmrung schallen!

Wie des Mondes Silberhelle
Auf des Baches dunkler Welle,
Spielt in dieser lichten Stunde
Auf des [Weges]1 dunklem Grunde
Der vergangnen Tage
Freud‘ und Klage.
Der Erinnrung Lust und Schmerzen
Flimmern auf in meinem Herzen –

Laßt mich ruhen, laßt mich träumen
Bei der Nachtigallen Sange
Unter vollen Blütenbäumen
Lange — lange!
Hoffmann von Fallersleben


Man legt den Kopf auf lauter kühle Kissen
und lächelt in den dunklen Raum hinein.
Wie schön das ist: Am Abend müde sein
und schlafen dürfen und von gar nichts wissen!
Und alle Sorgen sind wie Zwerge klein.
Erich Kästner


Der Schlaf läßt sich nicht nur als Ruhen betrachten, sondern zugleich als Aktion, durch die in uns schlummernde Kräfte frei werden. Sie waren unsichtbar wie im Champagner die Kohlensäure, die zu perlen beginnt, wenn der Pfropfen springt. Insofern stimmt auch die Vermutung, daß der Schlaf ein Gleichnis des Todes sei.
Ernst Jünger


Die schlafende Laura
Nachlässig hingestreckt,
Die Brust mit Flor bedeckt,
Der jedem Lüftchen wich,
Das säuselnd ihn durchstrich,
Ließ unter jenen Linden
Mein Glück mich Lauren finden.
Sie schlief, und weit und breit
Schlug jede Blum′ ihr Haupt zur Erden,
Aus mißvergnügter Traurigkeit,
Von Lauren nicht gesehn zu werden.
Sie schlief, und weit und breit
Erschallten keine Nachtigallen,
Aus weiser Furchtsamkeit,
Ihr minder zu gefallen,
Als ihr der Schlaf gefiel,
Als ihr der Traum gefiel,
Den sie vielleicht jetzt träumte,
Von dem, ich hoff′ es, träumte,
Der staunend bei ihr stand,
Und viel zu viel empfand,
Um deutlich zu empfinden,
Um noch es zu empfinden,
Wie viel er da empfand.
Ich ließ mich sanfte nieder,
Ich segnete, ich küßte sie,
Ich segnete, und küßte wieder:
Und schnell erwachte sie.
Schnell taten sich die Augen auf.
Die Augen? – nein, der Himmel tat sich auf.
Gotthold Ephraim Lessing


Langschläfers Morgenlied
Der Wecker surrt. Das alberne Geknatter
Reißt mir das schönste Stück des Traums entzwei.
Ein fleißig Radio übt schon sein Geschnatter.
Pitt äußert, daß es Zeit zum Aufstehn sei.
Mir ist vor Frühaufstehern immer bange.
… Das können keine wackern Männer sein:
Ein guter Mensch schläft meistens gern und lange.
– Ich bild mir diesbezüglich etwas ein …
Das mit der goldgeschmückten Morgenstunde
Hat sicher nur das Lesebuch erdacht.
Ich ruhe sanft. – Aus einem kühlen Grunde:
Ich hab mir niemals was aus Gold gemacht.
Der Wecker surrt. Pitt malt in düstern Sätzen
Der Faulheit Wirkung auf den Lebenslauf.
Durchs Fenster hört man schon die Autos hetzen.
– Ein warmes Bett ist nicht zu unterschätzen.
… Und dennoch steht man alle Morgen auf.
Mascha Kaléko


Schlaf
Nun trifft es mich, wie’s jeden traf,
Ich liege wach, es meidet mich der Schlaf,
Nur im Vorbeigehn flüstert er mir zu:
„Sei nicht in Sorg‘, ich sammle deine Ruh‘,
Und tret‘ ich ehstens wieder in dein Haus,
So zahl‘ ich alles dir auf einmal aus.“
Theodor Fontane


Höchstselbst zu Bett gehen und sich diagonal darin ausbreiten – die pure Sinnlichkeit des Schläfrigwerdens ist ein Geheimnis, das die Alten den Jungen vorenthalten. Schlaf und Sex haben das Bett und die Dunkelheit gemeinsam und lösen, je nach Altersgruppe, ein eigenartig ähnliches Verlangen aus. Die gehetzten Menschen im mittleren Lebensalter sind in der selben Weise in den Schlaf verliebt wie die Jungen in die Liebe; Enthaltsamkeit ist Qual der Jugend, Schlaflosigkeit die des Alters, und es scheint keinem Lebensstadium möglich zu seinh, von dem, wonach einem verlangt, je genug zu bekommen.
Al Alvarez, Die Nacht


Wir haben nicht einmal erkannt, dass die Ursache aller Krankheiten und Gebrechen, an denen der Menschen leidet, letztlich in einem Mangel an Schlaf gründet. Jemand, der nicht vernünftig schläft, kann auch nicht vernünftig leben. Schlaf ist keine vergeudete Zeit. Acht Stunden Schlaf sind alles andere als verschwendet. Im Gegenteil; wir können nur aufgrund dieser acht Stunden Schlaf die anderen sechzehn wach bleiben. Dies wäre dir andernfalls gar nicht möglich.
„Rajneesh“ Chandra Mohan Jain, Bhagwan Shree Rajneesh, Osho, Die innere Reise


Es ist ein Laster zu viel zu schlafen. Es ist schändlich und verwerflich, wenn uns die Sonne bei ihrem Aufgang noch im Bett vorfindet. Es heißt auch die Ordnung der Natur ändern und umkehren, wenn man den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage macht, wie etliche es tun; der Dämon ist es, der uns dazu treibt so zu verfahren; da er weiß, dass die Dunkelheit Gelegenheit zur Sünde gibt, ist er erfreut, wenn wir unser Tun und Treiben des Nachts erledigen.
Die Schlafensstunde ist auf „etwa 2 Stunden nach dem Abendmahl“ festgesetzt, und „etwa 7 Stunden sind ausreichend, um den Körper auszuruhen, sofern man nicht außergewöhnlich schwer hat arbeiten müssen“.
Man muss es sich selbst zum ehern Gesetz machen, in aller Frühe aufzustehen, und seine Kinder daran zu gewöhnen, sobald sie größer geworden sind und wenn sie keine Gebrechen haben, die dem entgegenstehen.
Es ist sehr unschicklich und wenig sittsam, im Bett zu plaudern, zu scherzen oder zu spielen, nehmt euch kein Beispiel an gewissen Personen, welche sich mit lesen oder anderen Dingen beschäftigen… Bleibt niemals im Bett, wenn ihr nicht mehr schlaft, es wird eurer Tugend sehr zugute kommen. .. Die schon im jüngsten Alter angenommene Angewohnheit der Trägheit wird sich im Lauf des ganzen weiteren Lebens auswirken.
Jean Baptiste de La Salle


Der Feierabend ist gemacht,
die Arbeit schläft, der Traum erwacht,
die Sonne führt die Pferde trinken;
der Erdkreis wandert zu der Ruh,
die Nacht drückt ihm die Augen zu,
die schon dem süßen Schlafen winken.
Johann Christian Günther


Erwachen
Das „ich“ steigt auf, wenn Sie aus dem Schlaf erwachen. Im Tiefschlaf behaupten Sie nicht, dass Sie schlafen, noch dass sie im Begriff wären, zu erwachen, oder dass sie lange geschlafen hätten, und trotzdem sind sie vorhanden. Nur im Wachen sagen Sie, dass Sie geschlafen hätten; Ihr Wachsein schließt also den Schlaf mit ein. Verwirklichen Sie ihr reines SEIN.
Ramana Maharshi


Faulheit, jetzo will ich dir
Auch ein kleines Loblied schenken,
Käm es nur gleich aufs Papier
Ohne lange nachzudenken
Doch, ich will mein bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.
Höchstes Gut! wer dich nur hat
Dessen ungestörtes Leben
Wird – ich gähn – ich werde matt –
Nu – so – magst Du mir vergebens,
Daß ich dich nicht loben kann;
Du verhinderst mich ja dran.
Gotthold Ephraim Lessing


Ich möchte auch von der Schlaflosigkeit als Krankheit noch ein Wort sagen, obwohl es vielleicht überflüssig ist, denn die Schlaflosen alle wissen wohl, was ich sagen will. Doch lesen sie vielleicht gerne etwas ausgesprochen, was ihnen bekannt, aber sonst kein Gegenstand des Redens ist. Ich meine die innere Erziehung, welche das Nichtschlafenkönnen geben kann. Jedes Kranksein und Wartenmüssen ist ja ein nicht misszuverstehender Lehrmeister. Doch ist die Schule aller nervösen Leiden besonders eindringlich. »Der muss viel gelitten haben«, sagt man von Menschen, die in Bewegung und Rede ein ungewöhnliches Mass von zurückhaltender Feinheit und zarter Schonung zeigen. Die Herrschaft über den eigenen Leib und über die eigenen Gedanken lehrt keine Schule so gut wie die der Schlaflosen. Zart anfassen und schonen kann nur einer, der dieses zarten Anfassens selber bedarf. Milde betrachten und liebevoll die Dinge abwägen, seelische Gründe sehen und alle Schwächen des Menschlichen gütig verstehen kann nur einer, der oftmals in der unerbittlichen Stille einsamer Stunden seinen eigenen ungehemmten Gedanken preisgegeben war. Die Menschen sind im Leben nicht schwer zu erkennen, welche viele Nächte mit wachen Augen stillgelegen sind.
Herman Hesse


Nicht Mandragora noch Mohn
Noch alle Schlummersäfte der Natur
Verhelfen Dir zu dem süßen Schlaf,
der gestern dein noch war.
William Shakespeare


Schlaflied für mich
Ich wiege und wiege und wiege mich ein
mit Träumen bei Tag und bei Nacht
und trinke den selben betäubenden Wein
wie der, der schläft, wenn er wacht.

Ich singe und singe und sing’ mir ein Lied,
ein Lied von Hoffnung und Glück,
ich sing’ es wie der, der geht und nicht sieht,
dass er nimmermehr gehn kann zurück.

Ich sage und sage und sag’ mir die Mär,
die Mär vom Liebesgeflecht,
ich sage sie mir und glaub’ doch nicht mehr
und weiß doch: das Ende ist schlecht.

Ich spiele und spiele mir die Melodei
der Tage, die nicht mehr sind,
und mache mich von der Wahrheit frei
und tue, als wäre ich blind.

Ich lache und lache und lache mich aus
ob dieses meines Spiels.
Und spinne doch Träume, so wirr und so kraus,
so bar eines jeden Ziels.
Selma Meerbaum-Eisinger


Umkehrbarkeit ist ein Wesenszug aller korrekten Handlung, selbst des Schlafs. Wer gut koordiniert und reif ist – wie man dies unter Menschen findet, die sich aus ihrem Beruf haben ihr Vergnügen machen können (und umgekehrt) –, kann einschlafen, wann er möchte und aufwachen, wann immer es nötig ist. Gesunden Tieren und Menschen macht es nichts aus, geweckt zu werden, da sie jederzeit und ohne Schwierigkeiten zu schlafen aufhören und den Schlaf wieder aufnehmen können. Die Fähigkeit, eine Handlung, einen Vorgang anzuhalten, wieder in Gang zu setzen, ihn umzukehren oder ihn überhaupt fallen zu lassen, ist eines der empfindlichsten Kriterien richtigen Handelns und richtiger Haltung.
Moshé Feldenkrais


Den Sommer verbringe ich normalerweise im Winterschlaf: Wie manche Tiere suche auch ich, wenn die Zeit kommt, zu der mein Organismus den Bedingungen der Außenwelt nicht gewachsen ist, einen möglichst abgelegenen Rückzugsort auf. Dort zehre ich, in fast völliger Reglosigkeit, von dem, was ich das Jahr über angesammelt habe. Und ich schlafe, schlafe, schlafe. Und stehe ansonsten nur auf, um zu schreiben. Wohl für jeden Schriftsteller ist der Sommer die schlechthin ideale Zeit, um sich ganz auf einen Text zu konzentrieren: Endlich hält einen nichts mehr vom Schreiben ab – vor allem nicht all die Arbeiten, die man sonst ausführen muss, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Deshalb lieben wir Schriftsteller den Sommer so sehr. Reich sein: Unabhängig von der Jahreszeit schreiben können.
María Sonia Cristoff


Dass täglich die Nacht sinkt, dass über
Qual und Drangsal, Leiden und Bangen
sich allabendlich stillend und löschend
die Gnade des Schlafes breitet, dass stets
aufs Neue dieser Labe- und Lethetrank*
unseren verdorrten Lippen bereit ist,
aufs Neue stets, nach dem Kampf, dies
milde Bad unseren zitternden Leib
umfängt, damit er, gereinigt von Schweiß,
Staub und Blut, gestärkt, erneuert,
verjüngt, fast unwissend wieder, fast mit
Lust daraus hervorgehe – Freund!, ich
habe das immer als die gütigste und
rührendste der großen Tatsachen
empfunden und anerkannt.
*Lethe: griech. Mythologie; die Quelle, aus der die Seelen ‚Vergessen’ trinken
Thomas Mann


Der Schlaf
Ich trinke bis um Mitternacht.
Wenn neben mir der Geizhals wacht,
Und mit bekümmertem Verlangen
Forscht, ob dem Schatze nichts entgangen?
Da trink ich noch, und freue mich,
Und trinkend Bacchus lob ich dich.
Da flieht der Durst! da flieht der Kummer!
Doch wärst du nicht, du süßer Schlummer,
Wenn sollt ich wieder durstig werden?
Und würd ich nicht mehr durstig sein,
So tränk ich ja auch nicht mehr Wein.
O Schlaf, welch Gut bist du der Erden!
Gotthold Ephraim Lessing


. . . Die Bücher, die der Mensch nicht im Fahren liest, liest er im Bett. Also im Bett. Sehr ungesund. Doch – sehr ungesund, weil der schiefe Winkel, in dem die Augen auf das Buch fallen . . . fragen Sie Ihren Augenarzt. Fragen Sie ihn lieber nicht; er wird Ihnen die abendliche Lektüre verbieten, und Sie werden nicht davon lassen – sehr ungesund. Im Bett soll man nur leichte und unterhaltende Lektüre zu sich nehmen sowie spannende und beruhigende, ferner ganz schwere, wissenschaftliche und frivole sowie mittelschwere und jede sonstige, andere Arten aber nicht. . .
Kurt Tucholsky


Es war in unsägliche und darum unglückliche Liebe zu seiner Cousine Elsbeth entbrannt und seit jener Zeit nicht länger willens, auch nur einen Augenblick lang zu ruhen, bis das er das Geheimnis der Unmöglichkeit seines Liebens zugrunde geforscht hätte. Tapfer hielt er bis zu seinem unglaublichen Ende bei sich, dass die Zeit des Schlafens Verschwendung und folglich Sünde sei, ihm dereinst im Fegefeuer aufgerechnet werde, denn im Schlaf sei man tot, jedenfalls lebe man nicht wirklich. Nicht von ungefähr vergliche ein altes Wort Schlaf und Tod mit Brüdern. Wie, dachte er, könne ein Mann reinen Herzens behaupten, er liebe sein Weib ein Leben lang, tue dies aber nur des Tags und dann vielleicht nur über die Dauer eines Gedankens? Das könne nicht von Wahrheit zeugen, denn wer schlafe, liebe nicht.
Robert Schneider „Schlafes Bruder“


An den verlornen Schlaf
Mein güldner Schlaf?
An dem ich sonst die Größesten der Erde
Weit übertraf.
Du hast mich oft an Wassern und an Büschen
Sanft übereilt,
Und konntest mich mit beßrer Rast erfrischen,
Als mir vorjetzt der weiche Pfühl ertheilt.
Allein bedeckt vom himmlischen Gewölbe
Schlief ich dann ein.
Die stolze Thems, die Saal und Hamburgs Elbe
Kann Zeugin sein.
Dort hab‘ ich oft, in längstvergrünten Jahren,
Mich hingelegt,
Und hoffnungsreich, in Sorgen unerfahren,
Der freien Ruh‘ um ihren Strand gepflegt.
Wie säuselten die Lüfte so gelinde
Zu jener Ruh‘!
Wie spielten mir die Wellen und die Winde
Den Schlummer zu!
Mich störte nicht der Ehrsucht reger Kummer,
Der vielen droht;
Ich war, vertieft im angenehmsten Schlummer,
Für alle Welt, nur nicht für Phyllis, todt.
Sie eilte dort, in jugendlichen Träumen,
Mir immer nach;
Bald in der Flur, bald unter hohen Bäumen,
Bald an dem Bach.
Oft stolz im Putz, oft leicht im Schäferkleide,
Mit offner Brust,
Stets lächelnd hold im Ueberfluß der Freude:
Schön von Gestalt, noch schöner durch die Lust.
Mein alter Freund, mein Schlaf, erscheine wieder!
Wie wünsch ich dich!
Du Sohn der Nacht, o breite dein Gefieder
Auch über mich!
Verlaß dafür den Wuchrer, ihn zu strafen,
Den Trug ergötzt:
Hingegen laß den wachen Codrus schlafen,
Der immer reimt und immer übersetzt.
Friederich von Hagedorn


Seltsam, dass eine Hälfte unseres Lebens Schlaf ist und von der verbleibenden Hälfte Vergessen oder Verblendung gegenüber der Zukunft. So nähert man sich stufenweise dem Tode: indem man die meiste Zeit davon träumt, zu leben.
Robert Merle


Wenn du im Bett liegst, tue es ja ohne irgendwelche Begründung und Rechtfertigung. … Wenn ein gesunder Mensch im Bett liegt, so soll er es ohne den mindesten Vorwand tun. Tut er es aus irgendeinem hygienischen Grund oder hat er eine wissenschaftliche Erklärung dafür, so wird er wahrscheinlich als Hypochonder aufstehen.
G.K. Chesterton


Erschöpft von den Anstrengungen des Tages, schlüpfte Schwartz in das kleine, so unbequeme Bett, wie es eben nur ein deutsches Bett sein kann.
Jules Verne, Die 500 Millionen der Begum, 1879


Lob der verkehrten Lebensweise
Denn als der Tag sich noch in Morgen und Abend teilte, wars eine Lust, mit dem Hahnenschrei zu erwachen und mit dem Nachtwächterruf zu Bett zu gehen. Aber dann kam die andere Einteilung auf, es ward Morgenblatt und es ward Abendblatt, und die Welt lag auf der Lauer der Ereignisse. Wenn man eine Weile zugesehen hat, in wie beschämender Art sich diese vor der Neugierde erniedrigen, wie feige sich der Lauf der Welt den gesteigerten Bedürfnissen der Information anpasst und wie schließlich Zeit und Raum Erkenntnisformen des journalistischen Subjekts werden – dann legt man sich aufs andere Ohr und schläft weiter. „Nehmt, müde Augen, eures Vorteils wahr, den Aufenthalt der Schmach nicht anzusehn!“
Karl Kraus


Menschen, dich nachts im Schlafe träumen, kennen ein Glück, das die Tageswelt nicht gewährt, eine stille Verzückung, ein Schweben der Seele, das wie Honig auf der Zunge ist. Und sie wissen auch, dass die Wonne der Träume das Gefühl grenzenloser Freiheit ist. Es ist nicht die Freiheit des Tyrannen, der der Welt seinen Willen aufdrängt, sondern die Freiheit des Künstlers, der keinen Willen hat, der frei von Willen ist. Die Freude des wahren Träumers besteht nicht im Inhalt des Traumes, sondern in etwas anderem: darin, dass sich alles ohne sein Zutun ereignet und seiner Einwirkung völlig entzogen ist. Große Landschaften erschaffen sich selbst, weite herrliche Ausblicke, schwellende und zarte Farben, Straßen, Häuser, die er nie gesehen, von denen er nie gehört hat. Fremde Menschen treten auf und sind seine Freunde oder Feinde, obgleich der Träumende nie etwas mit ihnen zu schaffen gehabt hat. Die Vorstellung des Fliegens und Dahinjagens kehren in Träumen immer wieder und sind nicht minder berauschend (…) Und immer umfängt den Träumer das Gefühl der unermesslichen Freiheit und durchströmt ihn wie Luft und Licht als überirdische Seligkeit. Aus „Jenseits von Afrika
Tanja Blixen


Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt, die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.
Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügel beben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.
Joachim Ringelnatz


Aus Träumen in Ängsten bin ich erwacht;
Was singt doch die Lerche so tief in der Nacht.
Der Tag ist gegangen, der Morgen ist fern,
aufs Kissen hernieder scheinen die Stern‘.
Und immer hör ich den Lerchengesang;
O Stimme des Tages, mein Herz ist bang.
Theodor Storm


Du liegst in später Nacht zu Bett und kannst nicht schlafen. Die Strasse ist still, in den Gärten rührt der Wind zuweilen die Bäume. Irgendwo schlägt ein Hund an; in einer fernen Strasse fährt ein Wagen. Du hörst ihn genau, du erkennst am wiegenden Geräusch, dass es ein Wagen auf Federn ist, du folgst ihm in Gedanken, er biegt um eine Ecke, er fährt plötzlich schneller und bald zerrinnt das eilige Rollen leis in die grosse Stille. Dann ein später Fussgänger. Er geht rasch, sein Tritt hallt sonderbar in der leeren Strasse. Er bleibt stehen, schliesst eine Tür auf, zieht sie hinter sich zu, und wieder ist grosse Stille. Wieder und noch einmal klingt ein kleines Stück Leben herein, immer seltener, immer schwächer, und dann kommen die Stunden, wo alles müde ist und jeder leiseste Wind und jedes feine Mörtelkorn, das hinter den Tapeten niederrinnt, laut hörbar und mächtig wird und dir die Sinne erregt. Und kein Schlaf. Nur die Müdigkeit zieht einen feinen Schleier über-Augen und Gedanken, du hörst ein rastloses Blut im Ohre klingen, du hörst im schmerzenden Kopf das feine, fiebernde Leben, du spürst in aufliegenden Adern den gleichmässigen und doch verwirrenden Takt der Pulse.
Hermann Hesse


Wenn meine Sinne, noch schlafbefangen,
Früh in der wirkenden Welt erwachen
Und mit steigendem Lebensverlangen
Mählich das Fühlen des Tages entfachen,
Klingt mir ein hoffendes Drängen im Innern,
Weihewonnig wie heilige Glocken
Und da stört kein Enttäuschungs erinnern:
Kraft will zur Tat, braucht keinen Zweck erst zu locken.
Oskar Baum


Die Kunst einzuschlafen, oder: Die Kunst sich selbst Langeweile zu machen um 1890
Es gibt eine große Kunst: sich selbst auszuschlafen; aber es gibt eine noch größere, noch schwierigere Kunst: einzuschlafen.
Das ist eine Kunst, man im buchstäblichen Sinne des Wortes nur im Schlafe lernen kann, und wenn man über diese Kunst ganze Nächte lang wacht, so lernt man sie erst recht nicht! Die Kunst, einzuschlafen, ist eigentlich nichts als die Kunst, sich selbst Langeweile zu machen! Es gibt keinen größeren Beweis von der Eigenliebe und von der Eitelkeit der Menschen, als wenn sie sagen: ich kann bei Nacht nicht einschlafen! Das ist nichts als ein Beweis, wie gut sie sich mit sich selbst unterhalten, wie amüsant und geistreich sie ihre eigenen Gedanken finden. Wenn man in großer Gesellschaft ist, so läuft man oft alle Augenblicke Gefahr sogleich einzuschlafen, ist man aber allein, abends, im Bette, mit niemanden beschäftigt als mit sich, hört man nichts als das, was man sich selbst sagt, in Gedanken oder in Monologen, da ist man entsetzlich wach und munter! Oh unbegreifliche Selbstliebe und Selbstgefallung!
Im Schlaf gehen die Geschäfte des Herzens und der Lunge nach wie vor fort; das Herz mag als des Tages über gute oder schlechte Geschäfte gemacht haben, der Schlafe ändert nichts, und dennoch kann ein bewegtes Herz es schwer zum Einschlafen bringen! Allein ein ganz gesundes Herz schläft gar nicht – es schnarcht nur zuweilen!
Also die Kunst einzuschlafen, erfordert erstens, daß man kein Herz habe; das Herz ist die Unruhe im Menschen; und mit Unruhe kann man nicht einschlafen. Zweitens, daß man nichts denke: denn Denken ist ein Andrang von lebesnschädlichen und organismuszerstörenden, bösen Einflüssen nach dem Kopfe, und zum leicht und bald Einschlafen gehört eine bequem, der geistig und leiblichen Ruhe zuträgliche Leerheit des Kopfes. Drittens, daß man nichts besitze, daß man weder im Herzen, noch im Kopfe, noch im Koffer etwas habe, überhaupt daß man auf der ganzen Welt nichts besitze, der Besitz, jeder Besitz, es sein nur der eines Dukatens, oder eines Hauses, oder eines Herzens, oder auch nur eines Talentes – dieses gefährliche Schieß- und Mordgewehr – hebt die freie Wirksamkeit der Seele nach innen auf, richtet sich auf die Außenwelt und zerstört allen Schlaf.
Um zu jeder Zeit leicht und schnell Einschlafen zu können, gehört vor allem, daß man kein Vermögen, werde im barem Gelde noch in Grundstücken, habe und doch auch kein Börsenspekulant sei; daß man nichts und niemand auf der ganzen Welt liebe, für niemand Sorge trage und sich um keines menschliches Wesen Wohl und Weh‘ zu bekümmern habe; daß man sich gar keines Talentes bewußt sei, daß man die sichere Überzeugung habe: „Morgen früh, wenn ich aufstehe, bin ich ein so dummer Kerl und ein talentloses Wesen, wie es nur eines unter der lieben Sonne geben kann.“ Wenn man bei allem diesen nichts gegessen hat, bloß ein Glas Zuckerwasser trank, sich leicht bedeckt, eine weiche Matratze hat und – nicht lesen kann, dann kann man sich der Hoffnung überlassen, leicht einzuschlafen.
Wieviel Mittel gibt es nicht und zählt nicht Jean Paul her, um schnell einzuschlafen: die Fensterscheiben zählen; das Einmaleins lernen; die Punkte in den Tapeten berechnen, eine gewisse Melodie solange immer von neuem summen, mit dem Finger das Antlitz herumfahren usw. usw. usw.
Aber es geht diesen Mitteln wie allen Hausmitteln: sie sind alle recht gut, aber sie nützen alle nichts!
Es ist ein großes Unglück, daß sich die Menschen so gut mit sich selbst unterhalten! Man ist so seelenvergnügt, wenn man keinen anderen Zuhörer hat als das – Kopfkissen! Das Kopfkissen gähnt uns nicht ins Angesicht, das Kopfkissen hört uns geduldig zu, und wer am besten zuhört, ist der beste Gesellschafter!
Von was spricht der Mensch mit dem Kopfkissen? Von sich! Von sich! Von sich! Kann man bei einem so interessanten Gespräch einschlafen? Das wäre eine Beleidigung an sich, und sich selbst beleidigt kein Mensch sobald!
Ich kenne Schriftsteller, die mit dem Vorlesen ihrer eigenen Schriften ganze Gesellschaften eingeschläfert haben; sie selbst lesen sich ihre Werke aber selbst alle Nacht vor, und es kommt ihnen kein Schlummer in die Augen! Ich kenne andere, die eine Sucht zum Anekdotenerzählen haben: wenn sie dieselben in Gesellschaften erzählen, so schlummert der auftragende Bediente im Gehen plötzlich ein, die Natur selbst fängt zu gähnen an, und Todesschlaf herrscht ringsum; dieselben wiederholen sich diese Anekdoten alle Nacht allein im Bette und unterhalten sich dabei so köstlich, daß sie nicht einzuschlafen imstande sind!
Ich komme nun zurück, daß die leidige Selbstliebe der Feind ist, warum Menschen nicht einschlafen können
Ich kenne Menschen, die, wenn man ihnen auf der Straße begegnet, eine solch narkotische Einwirkung machen, daß man sich an das erste beste Haus anlehne und schlummern muß, bis diese vorüber sind, und diese Menschen klagen auch, daß sie nicht einschlafen können! Sie müssen als notwendigerweise nachts ganz aus sich heraustreten und sich für ein anderes Individuum halten.
Man sagt, um bald einzuschlafen, müsse man das Licht auslöschen; Unsinn! In Gegenden, wo gar kein Licht herrscht, hört man auch die Klage: „Ich kann gar nicht einschlafen.“ Das Licht ist kein Hindernis des Schlafes, denn der erste Mensch ist sogleich nach der Erschaffung großen und des kleinen Lichtes eingeschlafen: Daß aber der erste Mensch so bald und so leicht einschlief, ist ein Beweis für meinen Ausspruch: Man muß gar kein Vermögen besitzen, niemanden lieben, nichts wissen, nicht lesen können und – unverheiratet sein, um bald und schnell einzuschlafen.
Daß aber das Licht am Einschlafen nicht schadet, beweist der Umstand, daß manche Menschen gerade in der Gesellschaft der größten Lichter am ehesten einschlafen! Ja, daß das Licht durchaus dem Einschlafen zuträglich ist, geht auch daraus hervor, das man tausend und tausende Dinge, Prozesse, Untersuchungen usw. je eher einschlafen läßt, je greller das Licht ist, in welchem sie erscheinen!
Ich glaube, gerade im Finsteren kann man gar nicht einschlafen, denn schlafen heißt Sinnesempfindungen unterbrechen, aufhören machen; und gerade im Finstern werden die Sinnesempfindungen am meisten wach gehalten.
Ich für meinen Teil, ich finde nie mehr Lust, zu schlafen, als bei einer Illumination, bei einem Feuerwerk, und die Feuerspitzen sind manchen Orten nie von einem tieferen Schlaft befallen, als bei einem hellen Brande.
Ein Betrunkener schläft sogleich ein, und der ist doch lichterloh illuminiert!
Je leichter die Phantasie des Menschen ist, desto eher schläft er ein; je farbloser sie ist, desto weniger; darum schläft die Jugend viel, das Alter wenig! Ich weiß, das ist eine sachliche Anwendung, allein ich rede jetzt aus dem – Schlaf und will versuchen, mich – in den Schlaf zu reden, den ich schreibe diesen Aufsatz nämlich im Bett. – Ich glaube, man fühlt es ihm an, – daß ich nicht schlafen kann!
Ich hab doch nichts, weder Dukaten, noch Liebe, besitze auch kein Talent, bin unverheiratet, kurz ein Eigentümer aller Erfordernisse zum Schlaf, und – kann doch nicht schlafen!!
Wie? Sollte ich auch Wohlgefallen an meiner eigenen Gesellschaft finden? Nicht möglich! Ich habe mir etwas aus meinen Schriften vorgelesen und bin doch nicht eingeschlafen! Da dacht‘ ich, das sind alte Sachen, die wirken nicht so, frische Mittel sind wirksamer, und schreibe mir frisch dieses Opiate. Allein schon sind alle Leser um mich eingeschlafen, und ich bin noch munter, so wach! Es ist entsetzlich! Dreimal hab‘ ich mir das Geschriebene schon vorgelesen, und kein Schlaf kommt in mein Auge! Ich bin nicht imstande, mir Langeweile zu machen. Ich muß heut Nacht schon durchwachen, alter lieber Leser, eingeschlafen bist du schon, schlaf also gut aus!
Moritz Gottlieb Saphir

Ein Gedanke zu “Dichtung und Schlaf

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