Neues aus der Chasmologie

 

Edvard Munch – Gähnendes Mädchen, 1913

Die Chasmologie ist die Wissenschaft vom Gähnen. Der Begriff entstammt dem altgriechischen Wort chasma, was unter anderem „offener Mund“ bedeutet. Jeder tut es, ob Mensch oder Wirbeltier. Durchschnittlich zehnmal am Tag gähnt der Mensch. Ein Alltagsphänomen also, von dem Hippokrates vermutete, dass es unsere Luftzufuhr verbessert. Doch das gilt mittlerweile als widerlegt. Mehr dazu in unserem Beitrag über das Gähnen.

Gähnen ist nicht nur ein Zeichen der Müdigkeit: Es hilft auch, die Temperatur unseres Gehirns zu regulieren. Darauf deuten Experimente von Forschern in Österreich und den USA hin. Denn wie sie feststellten, ist die ansteckende Wirkung des Gähnens temperaturabhängig. Schlafzyklen, Erregungszustände und Stress seien durch schwankende Gehirntemperaturen gekennzeichnet. Den Wissenschaftlern zufolge dürfte Gähnen diese Unterschiede ausgleichen. Sie folgerten, dass gemäß dieser Theorie und unter der Annahme, dass niedrige Lufttemperaturen zu weniger Hitze im Gehirn führen, Gähnen leicht durch die Umgebungstemperatur zu manipulieren sein sollte.

Forscher der Universität Wien gingen dieser Frage nach, indem sie in den Straßen der Stadt die Gähnfrequenz der Fußgänger aufzeichneten, und zwar sommers wie winters. Diese Gähnquoten verglichen sie mit jenen, die bei einer anderen Studie in Arizona (USA) erhoben worden waren.  Die Wiener gähnen im Sommer mehr als im Winter – während man in Arizona   mehr im Winter als im Sommer gähnte. Es zeigt sich, dass weder die Jahreszeit an sich oder die Anzahl der Tageslichtstunden entscheidend ist, sondern das „ansteckendes“ Gähnen vor allem von der optimalen Umgebungstemperatur um rund 20 Grad Celsius abhängig ist. Mit den hohen Sommertemperaturen von 37 Grad in Arizona und den rund um den Gefrierpunkt befindlichen Temperaturen in Wien nahm demnach das von anderen provozierte Gähnen ab.

Wo die Langeweile siegt,
Geist und Herz in Quarantainen
Kläglicher Beschränkung liegt,
Eines bleibt uns doch – das Gähnen.
Hermann von Lingg

Frauen gähnen häufiger
Forscher der Universität Pisa untersuchten das Gähnverhalten nach Geschlechtern. Fünf Jahre erfassten sie in Restaurants, Büros, Bussen, Bahnen  und an anderen  öffentlichen Orten insgesamt 1400 Gähnsituationen. Bei deren Auswertung wurde neben dem Geschlecht der Personen beobachtet, ob sie spontan gähnte oder es als Antwort darauf tat, dass jemand in ihrer Umgebung gegähnt hatte. „Ein Antwortgähnen lag für uns dann vor, wenn es innerhalb von drei Minuten geschah, nachdem jemand anders gegähnt hatte“, erläutert Studienleiter Ivan Norscia. Meistens dauere es sogar weniger als eine Minute, bis Gähnen seine infektiöse Kraft entfaltet hat. Gegähnt wurde vor allem dann, wenn die Personen sich gut kannten. chon frühere Studien haben zeigen können, dass unter Ehepartnern und guten Freunden häufiger gegähnt wird  als unter Fremden. Was aber nicht ausschließt, dass man sich von artfremden Lebewesen inspirieren lässt. „Auch Hunde und Menschen können sich gegenseitig mit ihrem Gähnen infizieren“, erzählt Norscia. Die Vierbeiner könnten sogar erkennen, ob die Menschen  wirklich gähnen oder nur so tun. Voraussetzung sei aber auch hier, dass Hund und Mensch sich gut kennen.

Als weiteres Ergebnis der Studie zeigte sich, dass Frauen in 55 Prozent aller Fälle gähnten, wenn es gerade jemand anders getan hatte. Bei Männern lag hingegen die Quote nur bei rund 40 Prozent. Männer fungieren also eher als impulsive Vorgähner, während Frauen öfter den reagierenden Nachgähnern zuzurechnen sind.

Ursache dieses Unterschieds könnte laut Norscia die „stärkere Empathie der Frauen“ sein. Sie versuchen mehr, sich auf ihre Mitmenschen einzustellen,  sich in deren Stimmungslage hineinzuversetzen und das  auch zu zeigen. Dazu gehört, dass sie Äußerungen zur Befindlichkeit übernehmen  – wie Stirnrunzeln, Lächeln und eben auch das Gähnen, das in der Regel als Zeichen von Müdigkeit interpretiert wird. Die Frau sieht, dass jemand gähnt, und übernimmt  dieses Verhalten, um ihm zu zeigen, dass sie ihn verstanden hat und sich ähnlich müde fühlt.

Quellen: Berliner Zeitung, Heilpraxis.net, scinexx.de, swr.de

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Joseph Ducreux – Selbstportrait beim Gähnen

Joseph Ducreux (1735-1802) war ein französischer Portraitmaler. Er begann seine Karriere mit dem Kopieren anderer Gemälde. 1769 malte er in Wien die junge Marie-Antoinette, was ihm den Zugang zur kaiserlichen Akademie und zum Hofe sicherte. Nach der Heirat mit Ludwig XVI. holte Marie-Antoinette, Ducreux an den Versailler Hof, wo er zum premier peintre ernannt wurde. Die Revolution verbrachte er im englischen Exil, nach seiner Rückkehr entstanden Porträts der Revolutionäre Robespierre und Saint-Just.

Das Original befindet sich im J. Paul Getty Museum.

Radiobeiträge über das Gähnen

Warum wir gähnen
In dem Beitrag „Warum wir gähnen“ kommt der Schweizer Neurologe Adrian Guggisberger zu Wort. Warum wir gähnen – Neues von der Chasmologie    SWR4

Gähnen ist eine Form der Langeweile
Im folgenden Beitrag diskutieren im Forum SWR2 über die Langeweile: Dr. Jürgen Große, Philosoph, Berlin; Dr. Eberhard Straub, Wissenschaftsjournalist, Berlin; Prof. Verena Kast, Psychologin, St. Gallen. Hier steht nicht das Gähnen im Mittelpunkt sondern die Langeweile. Der Begriff ist negativ besetzt. Zu Unrecht: Gerade in der alltäglichen Hektik helfen Inseln der Langeweile, uns wieder auf uns selbst zu besinnen. Davon sind Psychologen ebenso überzeugt wie Menschen, die es ausprobiert haben. Es ist Zeit für ein Loblied auf die Langeweile. Kreatives Gähnen – Ist Langeweile produktiv? SWR2 Forum

Dieser Beitrag ist eine Ergänzung zu dem Artikel „Über das Gähnen“

Über das Gähnen

Die Chasmologie ist die Wissenschaft vom Gähnen. Der Begriff entstammt dem altgriechischen Wort chasma, was unter anderem „offener Mund“ bedeutet. Jeder tut es, ob Mensch oder Wirbeltier. Wir gähnen bis zu 10 mal täglich, aber warum gähnen wir? Das Phänomen des Gähnens ist genauso faszinierend wie der Schlaf. Seit Jahrhunderten ist der Mensch auf der Suche nach den Ursachen und Auswirkungen des Gähnens.

Die Enzyklopädie der Schlafmedizin verzeichnet unter dem Stichwort Gähnen:

Bezeichnet ein Verhalten, das nicht nur beim Menschen, sondern auch bei zahlreichen anderen Spezies vorkommt. Es besteht in einer unbeabsichtigten Öffnung des Mundes, einhergehend mit einer Weitstellung bzw. Dehnung des Vokaltracktes. Der Gähnvorgang geht mit einer verlängerten Inspirationsphase einher und wird durch eine beschleunigte Exspiration beendet. Gähnen ist ein soziales Signal, das den Mitmenschen sowohl Schläfrigkeit als auch Stress oder Langeweile des Gähnenden signalisieren kann. Über die physiologische Bedeutung des Gähnens gibt es unterschiedliche Vermutungen.

Der französische Allgemeinmediziner Olivier Walusinski ist einer der führenden Experten zum Thema Gähnen. Der Auslöser für sein Interesse war ein Patient, der 1978 in seine Praxis kam und im Minutentakt gähnte. Walunski musste feststellen das es zwar viele Theorien, aber keine gesicherten Erkenntnisse gab. Mittlerweile ist sein Buch das Standartwerk zum Thema „The Mystery of Yawing“.

An empirischen Beobachtungen mangelt es nicht. Wir gähnen bei Müdigkeit, Hunger, Stress und großen Herausforderungen, wir lassen uns vom Gähnen anderer anstecken (soziales gähnen). Föten gähnen ab der 12. Woche und selbst querschnittsgelähmte Patienten die sich willentlich nicht mehr bewegen können, gähnen. Schlaganfallpatienten strecken beim Gähnen Körperpartien die von der Lähmung betroffen sind. Bei Menschen gähnen Mann und Frau gleich viel, rund 250.000 Mal im Leben. Dabei öffnen wir den Mund um 4 Zentimeter und die durchschnittliche Gähndauer betragt 6 Sekunden.

Unbestritten ist die soziale Bedeutung des Gähnens, als eine Form der nonverbalen Kommunikation. Gähnen in Anwesenheit anderer, kann Gleichgültigkeit und Desinteresse bedeuten. Wir lassen uns gerne vom Gähnen anderer anstecken. Menschen, die sich gut in andere hineinversetzen können, infizieren sich leichter. Und innerhalb einer Familie ist die Ansteckungsgefahr größer als bei Fremden. Beim Gähnen werden dieselben Hirnareale aktiv, in denen Gefühle entstehen. Hirnforscher haben herausgefunden das beim Anstecken Spiegelneuronen aktiviert werden.

Autisten und Schizophreniekranke dagegen sind immun. Kinder erlangen erst mit etwa fünf Jahren die Fähigkeit zum Mitgähnen. Der Schweizer Neurologe Adrian Guggisberg sieht im Gähnen in erster Linie die soziale Komponente „Die Natur hat damit eine intensive Kommunikation angelegt. Das erklärt auch, warum Gähnen so unwiderstehlich ansteckend ist.“

Widerlegt sind Theorien, das Gähnen der Sauerstoffzufuhr diene, die Lebensgeister aufwecke oder der besseren Durchblutung des Gehirns diene. Umstritten ist auch die Theorie amerikanischer Wissenschaftler, das der Strom kühler Außenluft das heißgelaufene Gehirn kühle. Die einzige gesicherte Erkenntnis ist ein Zusammenhang von Gähnen und Müdigkeit.

Und hier noch einige Beispiele aus dem Tierreich: ähnlich wie wir, stecken sich Schimpansen beim Gähnen an. Die Löwen gähnen wenn die Jagd beginnt und der männliche Affe gähnt kurz vor dem Sex. Wir wollen Ihnen die fragwürdigen Versuche des Mexikaners Josè Eguibar nicht verheimlichen. Eguibar hat mit weiteren Physiologen Ratten gezüchtet, die nahezu ununterbrochen gähnen. Die „Forscher“ traktierten die Tiere mit Lärm und Elektroschocks um den angezüchteten Zwang zu unterdrücken. Die Erkenntnis: die Tiere sind ängstlicher und versagen bei der Brutgflege. Wir wollen den Beitrag nicht mit einer traurigen Geschichte beenden. Versuche mit dem Redaktionshund Fritz bestätigen, dass sich der Hund vom Gähnen des Menschen anstecken lässt, aber offensichtlich immun ist auf das Gähnen seiner Artgenossen ist.