Henri-Frédéric Blanc

„Den Schlaf entschlüsselt man nicht, man schläft ihn. Den Schlaf definiert man nicht, er ist es, der definiert. Den Schlaf wägt man nicht ab, er ist die Waage. Unsere Gesellschaft die den Göttern der Effizienz, der Rentabilität und der Spezialisierung opfert, verwandelt den Schlaf in eine gewöhnliche physiologische Funktion. So ist Schlaf kein Vergnügen mehr, sondern wird zur Last. Man hat nicht mehr Lust zu schlafen, man will schlafen. Schlaf ist das Gegenteil von wollen! Man findet den Schlaf weil man nichts mehr sucht. Der größte Feind des Schlafs ist die Furcht vor der Schlaflosigkeit, die wie ein Damoklesschwert über unserem Bett hängt. Wir müssen um jeden Preis schlafen, um die irrsinnige Jagd am nächsten Tag durchzuhalten. Man gibt sich dem Schlaf nicht mehr hin, man konsumiert ihn. … Den Schlaf betrügt man nicht. … Wer unredlich schläft und seinen Schlaf mißachtet, wird nicht weit schlafen.“
Aus:„ Im Reich des Schlafs“

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Henri-Frédéric Blanc – Im Reich des Schlafs

Besser als stehen ist liegen, besser als liegen ist schlafen. Und besser als schlafen? Wenig. Der Schlaf ist die herrschaftsfreie Zone. Hier hat niemand etwas zu sagen, weder die Vernunft noch die Zeit. Im Schlaf und im Traum können wir alles sein und vor allem folgenlos.

Henri-Frédéric Blanc – Im Reich des Schlafs

Die Hauptfigur in Blancs Romans, Dr. Cavalcanti, Arzt für Schlafstörungen und Schlafleiden, der „Christoph Kolumbus des Schlafs“ und verträumter Held des Romans, hat auf eine wissenschaftliche Karriere und auf gesellschaftliche Ehren verzichtet, um sich seiner Lebensaufgabe zu widmen: die Menschheit mit einer natürlichen Einschlafmethode zu beglücken und sie von Pharmaka zu entwöhnen.

Vom künstlichen Schlaf, den die Pharmaindustrie bereitet, hält er nichts. Das ist eine Freiheit an der Leine der Chemie. Der Arzt betreibt seine kleine Praxis und hat gerade so viele Patienten, dass ihm ein bescheidenes Überleben gesichert ist. Im übrigen forscht er auf dem Grund seines Bettes den Geheimnissen des Schlafs nach und konstruiert das perfekte Schlafmittel, den „Schlummersummer“, einen rhythmisch pulsierenden Wecker zum Einschlafen.

Dieser wunderbare Roman über einen Schlafforscher, ist eine hübsche Satire auf den Wissenschaftsbetrieb und die chemische Industrie und auf eine Gesellschaft, die nur noch in den Kategorien von Kosten und Nutzen denkt.

Hier ein Auszug aus der Rede Dr. Cavalcantis auf einem schlafmedizinischen Kongress:

„Den Schlaf entschlüsselt man nicht, man schläft ihn. Den Schlaf definiert man nicht, er ist es , der definiert. Den Schlaf wägt man nicht ab, er ist die Waage. Unsere Gesellschaft die den Göttern der Effinzienz, der Rentabilität und der Spezialisierung opfert, verwandelt den Schlaf in eine gewöhnliche physiologische Funktion. So ist Schlaf kein Vergnügen mehr, sondern wird zur Last. Man hat nicht mehr Lust zu schlafen, man will schlafen. Schlaf ist das Gegenteil von wollen! Man findet den Schlaf weil man nichts mehr sucht. Der größte Feind des Schlafs ist die Furcht vor der Schlaflosigkeit, die wie ein Damoklesschwert über unserem Bett hängt. Wir müssen um jeden Preis schlafen, um die irrsinnige Jagd am nächsten Tag durchzuhalten.Man gibt sich dem Schlaf nicht mehr hin, man konsumiert ihn. … Den Schlaf betrügt man nicht. … Wer unredlich schläft und seinen Schlaf mißachtet, wird nicht weit schlafen.“

Henri-Frédéric Blanc, Im Reich des Schlafs, Fischer Taschenbuch, 1995, ISBN 359612746Henri-Frédéric Blanc, Im Reich des Schlafs, Fischer Taschenbuch, 1995, ISBN 359612746. Das Buch ist z.Zt. vergriffen. Über zvab.de oder amazon.de sind antiquarische Exemplare erhältlich.