John Keats – An den Schlaf

An den Schlaf
O sanfter Duft der stillen Mitternacht,
Der zart und sorgsam unsre Augen schließt
Und schattend vor dem Lichte sie bewacht,
In Seelen göttliches Vergessen gießt.
O sanfter Schlaf! Schließ mir die willigen Lider,
Eh dieses Hymnus‘ letztes Wort verklingt,
Nein, hör das Amen erst, eh schläfernd nieder
Dein Mohn die süßen Gnadengaben bringt.
Dann hüte mich, sonst gießt der Tag sein Licht,
Vielfachen Jammer brütend, auf mein Kissen,
Behüte mich, denn ach, es schlummert nicht
Das wie ein Maulwurf wühlende Gewissen;
Dreh flink den Schlüssel in geölten Riegeln,
Die meiner Seele Springbrunn sanft versiegeln.

To Sleep
O soft embalmer of the still midnight!
Shutting, with careful fingers and benign,
Our gloom-pleased eyes, embowered from the light,
Enshaded in forgetfulness divine;
O soothest Sleep! if so it please thee, close,
In midst of this thine hymn, my willing eyes,
Or wait the amen, ere thy poppy throws.
Around my bed its lulling charities;
Then save me, or the passed day will shine
Upon my pillow, breeding many woes;
Save me from curious conscience, that still lords
Its strength, for darkness burrowing like a mole;
Turn the key deftly in the oiled wards,
And seal the hushed casket of my soul.

John Keats (1795 – 1821) war ein englischer Dichter der Romantik. 1816 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtsband, der wie auch folgenden Werke von der Presse niedergemacht wurde (cockney poet). Keats starb, verbittert über die mangelnde Anerkennung, im Alter von 26 Jahren an Schwindsucht und Tuberkolose. Sein Grabstein ziert die Inschrift: “Here lies One Whose Name was writ in Water.” Erst nach seinem Tod wurde seine Dichtung anerkannt und zum Ende des 19. Jahrhunderts galt er als einer der wichtigsten Vertreter der Romantik. Hier gelangen Sie zu dem elegischen Essay „The Tomb of Keates“ das Osar Wilde 1877 nach einem Besuch des Grabes verfasste
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John Keats

An den Schlaf
O sanfter Duft der stillen Mitternacht,
Der zart und sorgsam unsre Augen schließt
Und schattend vor dem Lichte sie bewacht,
In Seelen göttliches Vergessen gießt.

O sanfter Schlaf! Schließ mir die willigen Lider,
Eh dieses Hymnus’ letztes Wort verklingt,
Nein, hör das Amen erst, eh schläfernd nieder
Dein Mohn die süßen Gnadengaben bringt.

Dann hüte mich, sonst gießt der Tag sein Licht,
Vielfachen Jammer brütend, auf mein Kissen,
Behüte mich, denn ach, es schlummert nicht

Das wie ein Maulwurf wühlende Gewissen;
Dreh flink den Schlüssel in geölten Riegeln,
Die meiner Seele Springbrunn sanft versiegeln.