Clara Müller-Jahnke – Schlaf und Tod

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John William Waterhouse – Schlaf und sein Halbbruder Tod, 1874

Süß und wonnesam ist der Schlaf.
In der strengen Schule des Lebens,
wo gleich unverständigen Kindern
wir die krausen, verworrenen Rätsel
mühsam zusammenbuchstabieren
aber nimmer den Sinn erforschen,
wo der Schmerz mit ehernem Griffel
Runen auf unsere Stirnen schreibt,
dünkt der Schlaf die Erholungsstunde
mir, die süße, köstliche Pause,
da die verschlossene Türe aufspringt
und statt dumpfigen Bücherstaubes
Sonnenstrahlen und Luft wir atmen…
süß und wonnesam ist der Schlaf. –

Schlaf ist Vergessen, ist die Befreiung
von all den lastenden, quälenden Sorgen
um des Daseins traurige Narrheit,
um der Zukunft lichtloses Dunkel,
um das eine, selige Glück,
das gleich silbernen Wasserwogen
meines Lebens dornige Wüste
noch mit blühenden Blumen schmückte,
und nun haltlos wie Regentropfen
mir in der zitternden Hand zerrinnt. –

Süß und wonnesam ist der Schlaf,
aber eines noch däucht mich süßer:
nicht das Vergessen nur, – das Vergehen!
Nicht das Ausruhen, – nein, die Ruhe!

Sei willkommen mir, goldene Stunde,
die den Schüler gereisten Sinnes
aus der drückenden Mauern Enge
über die Schwelle hinaus in lichte
sonnendurchstrahlte Weiten führt –

Sei gesegnet, du Götterbote,
der auf rauschenden Adlerschwingen
meine Seele aus Nacht und Dunkel
aufwärts trägt zu den fernen Höhn,
wo aus goldenem Schacht des Glückes
nie versiegende Quellen sprudeln! –

Dreimal süßer ist Schlaf, denn Wachen,
aber das Süßeste ist der Tod.

muller_jahnkeClara Müller-Jahnke (1860-1905) war eine deutsche Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin. Sie stammte aus einem protestantischen Pfarrhaus in Pommern. Ihr demokratisch gesinnter Vater war ein Bauernsohn, der sich sein Studium schwer erkämpfte. Clara Müller musste nach dem frühen Tod des Vaters schon als junges Mädchen zum Lebensunterhalt beitragen. Nach dem Besuch der Handelsschule in Berlin arbeitete sie als Büroangestellte bei einem Fabrikanten. Wegen sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz gab sie die Stelle wieder auf, kehrte aus familiären Gründen nach Pommern zurück und war seit 1889 Redakteurin an einer Provinzzeitung. Eine unerwartete Erbschaft kurz vor der Jahrhundertwende ermöglichte ihr die freie schriftstellerische Arbeit. Clara Müller veröffentlichte zwei Gedichtsammlungen und eine Autobiographie „Ich bekenne“.

Sie galt in ihrer Zeit als führende sozialistische Dichterin die mit ihren agitatorischen Gedichten auf die Lage der Arbeiter und der Frauen aufmerksam machte. Sie war mit dem Maler Oskar Jahnke verheiratet und starb 1905 an einer lnfluenza.

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John William Waterhouse – Sankt Cäcilia

John William Waterhouse – Saint Cecilia

John William Waterhouse (1849  – 1917) war ein britischer Maler, der sowohl dem Akademischen Realismus als auch der Gruppe der Präraffaeliten zugerechnet wird. Inspiriert von Alfred Tennysons Gedicht „The Palace of Art“ ist „Die Heilige Cäcilia“ aus dem Jahr 1895 eines der bekanntesten Bilder von Waterhouse.

Er blieb mit seinem Gemälde nahe an Tennysons Beschreibung, fügte aber symbolisch den Mohn als Emblem des Schlafs hinzu. Cäcilia von Rom ist eine christliche Heilige, Jungfrau und Märtyrin der frühen Kirche und Patronin der Kirchenmusik. Als ihre Attribute gelten  die Geige, das Schwert und die Rose.

William Shakespeare – The Tempest

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John William Waterhouse, Miranda – The Tempest, 1916

Sei nicht furchtsam, die Insel ist voll von Geräuschen,
Tönen und anmutigen Melodien, was Freude bringt und nicht schmerzt.
Manchmal erklingen tausend klimpernde Instrumente
Über meinem Haupte – und manchmal hör‘ ich Stimmen,
Die, wenn ich nach langem Schlaf erwachen würde,
Mich wieder schläfrig machten; dann deucht’s mir im Traume
Die Wolken täten sich auf und offenbarten Schätze,
Bereit, auf mich herab zu regnen, dass ich, wenn ich erwache,
Schrei‘ und weine, weil ich wieder träumen möchte.

Be not afeard: the isle is full of noises,
Sounds and sweet airs, that give delight, and hurt not.
Sometimes a thousand twangling instruments
Will hum about mine ears; and sometimes voices,
That, if I then had wak’d after long sleep,
Will make me sleep again: and then, in dreaming,
The clouds methought would open and show riches
Ready to drop upon me; that, when I wak’d
I cried to dream again.
The Tempest, William Shakespeare

John William Waterhouse

John William Waterhouse – Schlaf und sein Bruder Tod