Paul Heyse – Schlaf nur ein

459

Ach, was bin ich aufgewacht?
Ob am Haus die Liebste klopft?
Leise tönt es durch die Nacht. –
»Schlaf nur ein,
Schlaf nur ein!
Regen an die Scheiben tropft.«

Warum klingt mir doch das Ohr?
Spricht von mir das falsche Kind,
Das mich aus dem Sinn verlor? –
»Schlaf nur ein,
Schlaf nur ein!
Herdenglocken rührt der Wind.«

Und sie sah im Traum mich an,
Und sie sprach: Du glaubst es kaum,
Was ich leide, süßer Mann! –
»Schlaf nur ein,
Schlaf nur ein!
Schlaf ihn aus, den falschen Traum!«
Paul Heyse

Das Märchen vom Schlaf

Heyse Portrait von Adolf Menzel, © Yorck Project

Paul Johann Ludwig von Heyse  1830-1914, war ein deutscher Schriftsteller, der 1910 den Nobelpreis für Literatur verliehen bekam. Paul Heyse war der letzte wirkliche „Dichterfürst“ der deutschen Literatur. Heyse kann als der Wiederentdecker Italiens in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts gelten. Besonders seine italienischen Mädchengestalten machten ihn berühmt. Das Märchen vom Schlaf ist dem 1914 erschienen Buch „Italienische Volksmärchen“ entnommen. Durch Heyses Vermittlung ist die seinerzeit neuere italienische Literatur in Deutschland bekannt geworden. Mit den von ihm nacherzählten italienischen Volksmärchen sicherte er dieser Literatur einen Platz in Deutschland.

Das Märchen vom Schlaf
In der Provinz Genua lebte eine Witwe, die drei Söhne hatte, Francesco, Tonino und Angiolino. Angiolino wollte immer schlafen, nicht nur die Nacht, sondern auch den ganzen Tag. Die Brüder fingen an, die Mutter zu tadeln, indem sie sagten: »Mutter, es kann nicht so fortgehen mit unserem Bruder. Also überlegt, was man tun kann, denn wir sind sehr erzürnt gegen ihn.« – Die Mutter, die wie alle Mütter nachsichtig gegen ihre Söhne war, sagte: »Liebe Kinder, ich kann ihn nicht verstoßen, da er mein Sohn ist, so gut wie ihr. Versuchen wir, ihn zu verheiraten, dann wird er aufwachen.« Weiterlesen