Thomas Mann – Süsser Schlaf

„Dass täglich die Nacht sinkt, dass über
Qual und Drangsal, Leiden und Bangen
sich allabendlich stillend und löschend
die Gnade des Schlafes breitet, dass stets
aufs Neue dieser Labe- und Lethetrank*
unseren verdorrten Lippen bereit ist,
aufs Neue stets, nach dem Kampf, dies
milde Bad unseren zitternden Leib
umfängt, damit er, gereinigt von Schweiß,
Staub und Blut, gestärkt, erneuert,
verjüngt, fast unwissend wieder, fast mit
Lust daraus hervorgehe – Freund!, ich
habe das immer als die gütigste und
rührendste der großen Tatsachen
empfunden und anerkannt.“
*Lethe: griech. Mythologie; die Quelle, aus der die Seelen ‚Vergessen’ trinken
Aus: Thomas Mann, „Süsser Schlaf“, Essays 1 –  Frühlingssturm

© Van Vechten Collection

Thomas Mann (1875-1955) war ein deutscher Schriftsteller. Sein älterer Bruder Heinrich und seine Kinder Erika, Golo und Klaus war ebenfalls Schriftsteller. Thomas Mann zählt zu den bedeutensten deutschen Erzählern des 20. Jahrhunderts. Werke wie Die Buddenbrooks (Nobelpreis für Literatur, 1929), Der Zauberberg, Joseph und seine Brüder, Bekenntisse des Hochstaplers Felix Krull sowie zahlreiche Essays, Aufsätze, Autobiographisches gehören zu dem umfagreichen Œuvre des Autors.

Thomas Mann erkannt schon früh die Gefahr des aufkommenden Nationalsozialismus. 1930 hielt er die „Deutsche Ansprache“ einen Apell an die Vernunft, in der er vor den Nazis warnte. 1935 emigrierte in die USA , 1952 zog er in die Schweiz wo er 1955 verstarb.

Thomas Mann

Das Werk der Weckuhr schnappte ein und rasselte pflichtgetreu und grausam. Es war ein heiseres und geborstenes Geräusch, ein Klappern mehr als ein Klingeln, denn sie war altgedient und abgenutzt; aber es dauerte lange, hoffnungslos lange, denn sie war gründlich aufgezogen. Hanno Buddenbrock erschrak zuinnerst. Wie jeden Morgen zogen sich bei dem jähen Einsetzen dieses zugleich boshaften und treuherzigen Lärmes auf dem Nachtisch, dicht neben seinem Ohre, vor Grimm, Klage und Verzweiflung seine Eingeweide zusammen. Äußerlich aber blieb er ganz ruhig, veränderte seine Lage im Bette nicht und riss nur rasch, aus irgendeinem verwischtem Morgentraume gejagt, die Augen auf (…) Während er mit angespannten Nerven, um den Entschluss kämpfend, Licht zu machen und das Bett zu verlassen, regungslos auf dem Rücken lag, kehrte ihm nach und nach alles ins Bewußtsein zurück, was ihn gestern erfüllt hatte.