Leben gegen die innere Uhr – Gesundheit und Gewicht auf dem Prüfstand

Den folgende Beitrag entnahmen wir der Portal Pressbot

Arbeiten bis spät in die Nacht, unregelmäßige Mahlzeiten und zu wenig Schlaf – das sind einige Merkmale des von Professor Till Roenneberg von der LMU München geprägten Begriffs des „sozialen Jetlags“. Für diese Art des Jetlags ist es nicht nötig, in andere Zeitzonen zu reisen. Wenn der Arbeitsrhythmus die Oberhand über die eigene innere Uhr behält, erfahren wir auch in unserem gewohnten Umfeld die Auswirkungen einer Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Das beeinflusst nicht nur das Privatleben, sondern auch Gesundheit und Gewichtsmanagement, wie aktuelle Studien der Universitäten in München und Aberdeen beweisen.

Studie München: „Sozialer Jetlag“ kann zur Entstehung von Übergewicht beitragen

Nach der Auswertung von etwa 65.000 Fragebögen, die über einen Zeitraum von zehn Jahren online ausgefüllt wurden, kamen die Forscher der Universität München zu dem Ergebnis, dass ein Leben gegen die innere Uhr sowohl Stoffwechselstörungen als auch Übergewicht fördere. Die epidemiologische Studie zeigt auf, dass etwa zwei Drittel der westlichen Bevölkerung unter chronischem Schlafmangel leiden, ein Drittel davon gab sogar einen „Jetlag“ von mindestens zwei Stunden pro Tag an. Derartige Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus nahmen nach Angabe der Forscher innerhalb der letzten Jahre bedenklich zu. Menschen bleiben immer länger wach, wobei die durchschnittliche Schlafdauer an Werktagen stetig abnehme. Darunter leide die Gesundheit der Betroffenen beträchtlich, die natürlichen Bedürfnisse des Körpers werden ignoriert. Unregelmäßigkeiten im Tagesrhythmus sowie Schlafmangel führen zu einem gestörten Hungergefühl. Oftmals essen Betroffene zu viel und zu ungesund, weshalb sie zu Übergewicht neigen.

Studie Aberdeen: Leben gegen die innere Uhr ist gesundheitsschädlich

Eine britische Studie der Universität Aberdeen, unter der Führung von Dr. Cathy Wyse, unterstützt die Schlussfolgerungen der Münchener Untersuchungen. Eine Forschergruppe aus Chronobiologen prüfte, inwiefern unregelmäßige Essens-, Schlaf- und Arbeitspläne in der westlichen Welt die innere Uhr des Menschen beeinflussen, und welche Auswirkungen dies wiederum auf Gesundheit und Gewichtsregulierung hat. Dr. Wyse stellt fest, dass „im Laufe des letzten Jahrhunderts, der tägliche, regelmäßige Rhythmus von Mahlzeiten, Schlaf- und Arbeitszeiten allmählich aus unseren Leben verschwunden ist.“ Dies führe nicht nur zu Stoffwechsel- und anderen gesundheitlichen Problemen, sondern sei auch eine ernstzunehmende Ursache für Übergewicht und Fettleibigkeit. Die Synchronisation der inneren Uhr mit dem täglichen Rhythmus sei wichtig für die Gesundheit. Doch Schichtarbeit, künstliches Licht sowie der allgegenwärtige 24-Stunden-Lebensstil des 21. Jahrhunderts sorgen dafür, dass eine gesunde Abstimmung nur selten der Fall ist. Dr.Wyse glaubt, dass der „soziale Jetlag“, wie die Münchner Universität dieses Phänomen beschreibt, zu einer Störung der Gehirnfunktionen führt, welche den Stoffwechsel regeln. Dies begünstige das Auftreten von Übergewicht, Fettleibigkeit und Diabetes.

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Gesundheitsrisiko sozialer Jetlag

Christian Weber schreibt in der Süddeutschen Zeitung über den sozialen Jetlag, der nichts mit Zeitzonen zu tun hat, sondern das Leben gegen die eigenen, inneren Uhren beschreibt. Wenn der Arbeitsrhythmus oder das Freizeitverhalten der inneren Uhr zuwiderläuft, zeigen sich Symptome des sozialen Jetlags. Bis zu 80 Prozent der Menschen in der westlichen Welt sollen betroffen sein – mit Folgen für ihre Gesundheit. Hier geht es zu dem Artikel.

„Die Uhrenumstellung macht … dümmer, dicker, kränker und unfreundlicher.“¹

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Am 25. März 2012 ist es wieder soweit: die Uhren werden auf die Sommerzeit vorgestellt. Ein Vorgang der Mensch und Tier belastet und weder biologisch noch umweltbedingt notwendig ist .   Woher kommt eigentlich dieser Brauch und welches sind die Beweggründe?

Bis weit ins 19. Jahrhundert gab es in Deutschland keine einheitliche Zeit. Eine nationale Uhrzeit wurde erst mit dem Aufkommen des Eisenbahnverkehrs 1893 eingeführt. Der Engländer William Willett verfasste 1907 eine Schrift mit dem Titel „The Waste of Daylight“. Er schlug vor die Uhren, in den Sommermonaten um 80 Minuten vorzustellen, um so £ 2,5 Mio. an Beleuchtungskosten zu sparen.

Im 20. Jahrhundert wurde immer wieder an der Uhr gedreht. 1916  begann Deutschland  mit der Zeitumstellung in den Sommermonaten. Hintergrund war die Idee, die Stundenzahl mit nutzbarem Tageslicht zu erhöhen. Von 1919-1339 durften die Menschen in ihren normalen Rhythmen leben, bevor im Kriegsjahr 1940 wieder eine Sommerzeit eingeführt wurde. 1945 wurde die Uhrzeitenregelung von den Besatzungsmächten bestimmt. In Ostberlin und der sowjetischen Besatzungszone dauert die Sommerzeit 2 Monate länger als in den übrigen Besatzungszonen.1950-74 war wieder eine Phase ohne Zeitverschiebungen. Die Europäische Gemeinschaft führte die Sommerzeit in ihren Mitgliedstaaten ab 1974 ein. Hintergrund war die sogenannte „Ölkrise“ von 1973 und der Vorstellung, mit der längeren Ausbeute des Tageslichts Energie zu sparen.

Die Beweggründe für Zeitverschiebungen waren immer ökonomischer Natur. Bis heute ist der Beweis ausgeblieben, dass die Zeitverschiebungen tatsächlich zu Einsparungen geführt haben.

Schlafforscher warnen vor den Auswirkungen der Zeitumstellung. Frauen, ältere Menschen, Säuglinge und Kinder, deren Organismus sich mit der Anpassung an Zeitumstellungen schwerer tuen, sind in der Regel stärker betroffen. Die meisten Betroffenen klagen über Anpassungsproblemen wie Schlafstörungen, Unwohlsein, depressive Stimmung und Appetitlosigkeit. Die Schwere der Symptome sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich und können bis zu zwei Wochen andauern. Chronobiologen wie der Münchener Till Roenneberg gehen sogar von bis zu vier Monaten Umstellungszeit aus.

Schlafmediziner und Chronobiologen beklagen seit Jahren das Spiel mit der inneren Uhr. In den 1980er und 90er Jahren untersuchte der amerikanische Wissenschaftler Stanley Coren unfallbedingte Todesfälle im zeitlichen Umfeld der Umstellung auf die Sommerzeit und bei der Rückstellung auf die Normalzeit. Das Ergebnis zeigte einen Anstieg der Unfälle mit Einführung der Sommerzeit und einen leichten Rückgang mit dem Beginn der Winterzeit. Coren vertritt die Auffassung, dass der Anstieg der tödlichen Unfälle im Frühjahr mit dem zeitlichen Verlust einer Stunde zusammenhängt, während der Rückgang der Unfälle während der Umstellung auf die Winterzeit mit dem Gewinn einer Schlafstunde zusammenhängt. In Russland wurde die Zeitumstellung mit Wirkung zum 31. Oktober 2011 aufgehoben. Die Begründung des russischen Präsidenten: weniger Stress für Mensch und Tier.

¹ Der Chronobiologe Till Roenneberg im Interview mit netdoktor.de

Über das Schlafgen ABCC9

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Deutschlands bekanntester Chronobiologe Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität-München, hat zusammen mit einem Forscherteam den ersten genetischen Faktor gefunden, der die Schlafdauer beeinflusst. Bei einer Untersuchung von 4.000 Europäern hatten vier Prozent von ihren Eltern die Langschlafvariante geerbt.

Das ABCC9-Gen ist die Blaupause für das Protein SUR2, das beim Energiehaushalt der Zellen ein wichtige Rolle spielt. Die Autorin der Studie Karla Allebrandt weist auf den Zusammenhang  von Schlafdauer und Stoffwechselstörungen wie Diabetes und Herzproblemen hin, es „kann … möglicherweise durch gemeinsam benutzte molekulare Mechanismen erklärt werden.“ Frau Allebrandt betont, das auch weitere Faktoren wie z.B. das Alter die Schlafdauer beeinflussen kann.

Hier geht es zur Zusammenfassung der Ludwig-Maximilians-Universität Münschen und hier zum Fachartikel in der Zeitschift Nature.

Wenn Sie erfahren möchen welcher Chronotyp Sie sind, können Sie an der europaweiten Online-Studie EUCLOCK des Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München teilnehmen. Hier gelangen Sie zu dem Fragebogen.