Sonntagsmorgen, im Bett – Kurt Tucholsky

Was – was ist?
Ach so. Heute ist Sonntag. Da kann ich noch liegen.
Mit den Schultern kuscheln. Mich ans Kopfkissen schmiegen –
Aus alter Gewohnheit wacht man sonntags immer
so früh auf wie wochentags – das kommt vielleicht von dem Schimmer
da von den Jalousien – was ist denn das für ein Geratter und Gebraus?
Na, jedenfalls heute muß ich nicht raus.

Ich kann heute ganz stille liegen und ruhn.
Und muß gar nichts. Und hier kann mir keiner was tun.
So ein Bett ist eigentlich eine schöne Sache –
da müßte noch so eine Sonnenplache
drüber sein, und dann fährt man damit überall hin.
Woher kommt das, dass ich heute so furchtbar müde bin –?

Gestern abend haben wir wesentlich zu viel Schwedenpunsch getrunken,
Paul war zum Schluß ganz in seinen Sessel versunken;
ich habe auch noch so einen komischen Geschmack im Mund
und – –

Halb neun! Da muß ich richtig wieder eingeschlafen sein.
Sonntagsmorgen im Bett, das ist fein.
Das heißt: Was nun noch kommt, ist weniger schön …
Heute muß ich zu Onkel Otto und Tante Frieda gehn –
Margot ist auch da, die keusche Lilie …
Warum, lieber Gott, ist man sonntags stets in Familie?
Vor Tisch sind sie beleidigt, und nach Tisch sind sie satt –
wenn ich dran denke, wird mir jetzt schon ganz matt.

Abends ist Theater … morgen muß ich unbedingt mal mit Kempner
telefonieren:
Er muß mir die Diele billiger tapezieren –
achtzig ist zu viel – der Junge ist wohl nicht ganz gesund!
und – –

Halb zehn!
»Willi! Aufstehn! Aufstehn!«
Ja doch, ja!
Ich stehe ja schon auf, Mama –

Jetzt geht der Sonntag los! Nein: eigentlich ist er jetzt vorbei.
Jetzt kommen die Zeitungen und Briefe und Telefon und Geschrei.
Das ist nun weniger geruhsam und labend …

Aber so ist das im Leben:
Das Schönste vom Sonntag ist der Sonnabend Abend.

Kurt_Tucholsky_1891

Der Autor in jungen Jahren. Aus: Richard von Soldenhoff: “Kurt Tucholsky 1890 – 1935”

Kaspar Hauser oder Ignaz Wrobel oder Theobald Tiger oder Peter Panter oder Kurt Tucholsky (1890-1935) Journalist, Gesellschaftskritiker, Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker, Demokrat, linksgerichteter humanistischer Pazifist, Antimilitarist, Mitherausgeber der Weltbühne und einer der meistgelesesten Schriftsteller der Weimarer Republik.

Weiterführende Links:
Kurt Tucholsky Gesellschaft
Kurt Tucholsky Info

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Kurt Tucholsky – Herr Wendriner kann nicht einschlafen

Herrgott, dass die Frau nicht still liegen kann! Manche Frauen schlafen, wie man sie hinlegt, und da schlafen sie dann! Nu lieg doch schon still! Wenn ichs Licht ausmache, liegste auch nicht still. Gut – ich wer ausmachen

… Nicht möglich, zu schlafen. Ich weiß nicht, was das ist. Das Glas Bier abends kanns nicht sein, geraucht hab ich heute auch nicht – ich muß mal mit Friedmann drüber sprechen. Sport! sagt er immer – treiben Sie Sport! Wir können ja Fußball auf dem Kurfürstendamm zusammen spielen … lächerlich! Seine letzte Liquidation ist auch noch nicht bezahlt – na, soll er warten. Andre warten auch. Was hat er mir da neulich für ’n Witz erzählt … ? Ach so – ›Sagen Sie mal: Aaa!‹ Blendender Witz, den werd ich mal morgen Welsch erzählen, der kugelt sich über gute Witze … Was ist das für ein Schein … Die Feuerwehr? Nein, ein Auto … Gute Autos hat jetzt Berlin, ich sag immer, ihr sollt euch noch mal solche Autos in Paris suchen; die londoner taugen auch nicht viel. Was juckt mich denn da immer? Herrgott, jetzt wollt ich heute abend baden und habs vergessen … Na, morgen. Nein – morgen hab ich wieder keine Zeit – na, also morgen abend. Wir gehn ja nicht auf Brautschau. 45000 in zwei Jahren zu 18% macht … 18% – die Leute sind ja wahnsinnig … Jetzt weiß ich das Wort. ›Amorph‹ – den ganzen Tag ist mirs nicht eingefallen. ›Amorph‹ – Lucie wollts für ihr Kreuzworträtsel wissen, im Geschäft ists mir den ganzen Morgen durch den Kopf gegangen – komisch, was einem so manchmal durch den Kopf geht … Freutel sollte mir doch die Bilanz von Esmarch & Ehrmann vorlegen – wieder hat ers vergessen – man müßt ’n Notizblock am Bett haben – morgen leg ich mir einen hin … Das Bein juckt wie verrückt. Ist das noch mein Bauch –? Ich wer dick. Wie ich noch die Sache mit Greten gehabt habe, da hat sie mich immer im Bett gekitzelt und hat gesagt: ›Na, Dickchen … ?‹ Ja. – Schläfst du schon … ? Immer schläft sie. Nu, man is ja kein Kind mehr. Wo ist denn Wasser – ich wer ’n bißchen Wasser trinken. Beinah ist die Uhr runtergefallen. Was is morgen abend –? Morgen abend muß ich im Büro bleiben und aufarbeiten, Dienstag, Mittwoch … übermorgen gehn wir zu Regierers, Trude kommt mit, die wollt Bescheid haben wegen der Perserbrücke – kriegt sie sehr billig … Der Joe ist ein ganz ungezogener Bengel, wer ich dem Vater mal bei Gelegenheit sagen, seh ich gar nicht ein – Freitag ham wir Billetts für die Oper, nachher sind wir im Bristol – Sonnabend ist die Modevorführung, hat sie mich richtig breitgeschlagen, dass ich hingehe … Ich hab da nur Interesse an Mokka … Ausspannen sollt man. Aber da ist jetzt gar nich dran zu denken – vor Juli wirds nichts … vielleicht Bozen, Bozen ist mir sehr empfohlen worden … Vater wollt immer so gern nach Bozen … er is nie hingekommen … Wonach riecht denn das hier … ? Ich hab doch Hanni gesagt, ich will das Parfüm hier nicht mehr haben … Schreckliches Parfüm! Wenn ich nicht Mitleid mit Oskarn gehabt hätte, hätt ichs ihm gar nicht abgekauft. Der hats auch zu nichts gebracht im Leben. Man muß es zu was bringen. Ich hab … ich wer mal rechnen: hundertdreißigtausend sind im Geschäft, viertausend sind da, dann die zwanzigtausend von Benno, das ist ja wie bar Geld … Fritz sagt, den›Zauberberg‹ sollt ich mal lesen. Der hats gut. Ich komm kaum noch zum Lesen. Nich mal die Memoiren von Wagner, die ich zu Weihnachten bekommen habe, hab ich gelesen. Man kommt zu gar nichts mehr. Ich denk jetzt so oft an den Tod. Quatsch. Doch, ich denk oft an Tod. Das kommt von der Verdauung. Nein, das kommt nicht von der Verdauung. Man wird älter. Wie lange sind wir jetzt verheiratet … ? Nu, für sie ist ja ausgesorgt, so weit bin ich schon, Gott sei Dank. Wenn ich tot bin, wem sie erst wissen, was sie an mir gehabt haben. Man wird viel zu wenig anerkannt, im Leben. Hinterher ist zu spät. Hinterher wem sie weinen. Damals, bei dem alten Leppschitzer warn ja enorm viel Leute. So viel kommen bei mir mindestens auch … Jetzt kommt das Dienstmädchen erst nach Hause –! Die Tür könnt sie auch leiser zumachen … Was macht nu son Mädchen abends? Geht zu Freundinnen … Na, Emma hat ja ’n Bräutjam. Eigentlich ’n ganz hübsches Mädchen! Vom noch alles da – Lieg doch still! Was denken nu sone Leute über unsereinen? Schimpfen sicher mächtig auf die Herrschaft, wenn sie abends zusammensitzen. Wie ich Lehrling war, gabs sone Bolschewistensachen nicht. Wir mußten schuften … hähä – wenn ich noch dran denke, wie wir dem alten Buchowetzki die Papierschere auf den Tisch geklebt haben … Und er zog und zog und kriegte sie nicht hoch – hähä! Aber wenn ich tot bin, wem sie weinen. Stresemann hat ne glänzende Rede gehalten, neulich auf der Wirtschaftstagung – kann man sagen, was man will. Das Brom hilft auch nicht mehr – vielleicht hab ichs zu früh genommen. Was –? Nichts. Das war nichts. Das war bloß eine Sprungfeder, unten an der Matratze …

Schrecklich, wenn man nicht einschlafen kann. Wenn man nicht einschlafen kann, ist man ganz allein. Ich bin nicht gern allein. Ich muß Leute um mich haben, Bewegung, Familie, Arbeit … Wenn ich mit mir allein bin: wenn ich mit mir allein bin, dann ist da gar keiner. Und dann bin ich ganz allein. Hinten juckts mich. Ich kenn das. Jetzt wer ich gleich einschlafen … Na, denn gut’n –«

Kaspar Hauser, Die Weltbühne, 30.03.1926, Nr. 13, S. 510, nach http://www.textlog.de

Kurt_Tucholsky_1891Kaspar Hauser oder Ignaz Wrobel oder Theobald Tiger oder Peter Panter oder Kurt Tucholsky (1890-1935) Journalist, Gesellschaftskritiker, Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker, Demokrat, linksgerichteter humanistischer Pazifist, Antimilitarist, Mitherausgeber der Weltbühne und einer der meistgelesesten Schriftsteller der Weimarer Republik.

Weiterführende Links:
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Wo lesen wir unsere Bücher – Kurt Tucholsky

. . . Die Bücher, die der Mensch nicht im Fahren liest, liest er im Bett. Also im Bett. Sehr ungesund. Doch – sehr ungesund, weil der schiefe Winkel, in dem die Augen auf das Buch fallen . . . fragen Sie Ihren Augenarzt. Fragen Sie ihn lieber nicht; er wird Ihnen die abendliche Lektüre verbieten, und Sie werden nicht davon lassen – sehr ungesund. Im Bett soll man nur leichte und unterhaltende Lektüre zu sich nehmen sowie spannende und beruhigende, ferner ganz schwere, wissenschaftliche und frivole sowie mittelschwere und jede sonstige, andere Arten aber nicht. . .
Peter Panter, Vossische Zeitung, 09.07.1930, Nr. 318.
Aus: Kurt Tucholsky, Werke, 1930. Zitiert nach zeno.org

Kurt Tucholsky

. . . Die Bücher, die der Mensch nicht im Fahren liest, liest er im Bett. Also im Bett. Sehr ungesund. Doch – sehr ungesund, weil der schiefe Winkel, in dem die Augen auf das Buch fallen . . . fragen Sie Ihren Augenarzt. Fragen Sie ihn lieber nicht; er wird Ihnen die abendliche Lektüre verbieten, und Sie werden nicht davon lassen – sehr ungesund. Im Bett soll man nur leichte und unterhaltende Lektüre zu sich nehmen sowie spannende und beruhigende, ferner ganz schwere, wissenschaftliche und frivole sowie mittelschwere und jede sonstige, andere Arten aber nicht. . .